Spielplatzmystik

Früher….

Ich halte mich am Früher fest. Früher….da gab es für mich so viel. Chorproben, Musik, angeregte theologische Gespräche, Meditationsrunden.

Wie ich zog zum Hause des Herrn in fröhlicher Schar.

Jetzt: Mit Familie im Niemandsland. Gespräche sind stumm geworden. Kreisen um das Wetter, die Tagespolitik, den nächsten Einkauf.

Gott. Weit weg.

Spielplatz mit Korbi. Er tollt. Ich sitze auf einer Bank und atme.

Ein. Aus.

Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

„Mamaaa!“

„Ja Schatz?“

Ein. Aus.

Jesus. Christus.

„Mamaaaaa!! Schau mal!!“ – „Ja, Korbi. Du rutscht. Die Rutsche ist ganz schön hoch.“

Ein. Aus. Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

Korbi tobt. Ich atme. Ich bin da. Gott ist da. Jesus ist da. Der Spielplatz ist da. Korbi ist da.

Früher ist vorbei.

„Hast du Pläne?“

Lang tat sich hier nichts. Das letzte Mal schrieb ich vor etwa einem halben Jahr. Abschied von meinem lieben Freund Andreas Ebert. Hier knüpfe ich an.

Nach der Trauerfeier gingen mein Seelenbruder (hoffe die Bezeichnung ist ihm recht) Tilmann Haberer und ich an der Isar spazieren. Weil wir beide irgendwie nach zweieinhalb Stunden Trauerfeier nicht so wahnsinnig viel Lust auf Trubel („Leichenschmaus“) hatten. Die Sonne schien, die Isar rauschte. Und endlich mal wieder in Ruhe mit jemandem reden. Es tat gut.

Wir unterhielten uns. Natürlich über Andreas. Aber nicht nur. Und dann stellte er eine Frage, die mich bis heute beschäftigt: „Hast du eigentlich Pläne?“

Und mir fiel nichts ein. Nichts. Seit der Sache mit dem Krebs und seit der Geburt von Korbi habe ich manchmal das Gefühl, mein Leben dümpelt so auf dem Abstellgleis dahin. Klar. Ich habe einen Job, unterrichte an der FAKS Coburg, auf einer Teilzeitstelle, die auch für mich als Mama und seit meiner Erkrankung doch leicht gehandicapte Person leistbar ist. Das freut mich sehr, das gibt mir Sinn und einen Grund vor 8 Uhr aufzustehen. Ja, ich mag es. Aber Pläne? Nicht wirklich.

Ich spüre eine gewisse innere Unruhe. So, als ob da noch irgendwas kommen müsste.

Tilmann fragte damals weiter: „Und was Literarisches?“ Also doch endlich das Buch schreiben, das schon so lange in mir rumort?

Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Ich krieg das ja nicht mal mit meinem Blog auf die Reihe.“

Andreas Ebert meinte mal, aus meinen mystischen Erfahrungen und meinen theologischen Überlegungen dazu müsste unbedingt ein Buch werden.

Und manches vom hier Geschriebenen ist mir wirklich wichtig. Aber das, worum es eigentlich geht, ist zum einen so schwer in Worte zu fassen.

Also bleibt es beim „eigentlich würde ich schon gerne, aber was, wie, für wen und vor allem wann?“ Ich habe nicht den Nerv und auch nicht die Kapazität aus meinem wirren Blog ein Buch zu machen. Vielleicht liest das ja irgendjemand, der sich unversehens angesprochen fühlt, stöbert und feststellt: Genau so etwas hat unserem Verlagsprogramm gerade noch gefehlt. Das würde mir vermutlich einen Motivationsschub geben.

Hallo? Universum?

Braut Christi?

Aus meinen bisherigen Beiträgen könnte man zu Unrecht ableiten, dass ich während meines Studiums wohl eine ziemliche Eigenbrötlerin gewesen sein muss, die sich aufgrund ihrer mystischen Erfahrungen von allen unverstanden fühlte und von der Welt absondert. Dem war mitnichten so. Im Gegenteil, nie wieder hatte ich ein so dichtes soziales Netz und einen so weit gefächerten Freundeskreis, wie in meinen Studienjahren, zuerst in München (wo ich ja auch geboren bin und die ersten 24 Jahre meines Lebens verbracht habe), und später in Erlangen, wo ich alsbald ein sehr aktives Mitglied der ESG wurde und einige Jahre lang in der Wohngemeinschaft im ESG-Haus mitgelebt habe. Ich war zwar fromm, aber ansonsten in jeder Hinsicht eine völlig normale evangelische Theologiestudentin, sofern man überhaupt „normal“ ist, wenn man sich für diesen Fach interessiert.

Das einzige, was ich nicht hatte, war ein Freund. Weder in München, noch in Erlangen, noch in meinen späteren Jahren im Pfarramt. Und in all diesen Jahren fehlte mir eine solche Beziehung nicht. Gar nicht. In keinster Weise. Ich war, wirklich und ehrlich und wahrhaftig einfach zufrieden als „fromme Single Frau“. Das habe ich in diesen Jahren wohl auch so ausgestrahlt.

Mein guter Freund Andreas Ebert meinte einmal, mit Augenzwinkern: „Christiane, deine Heiligkeit blendet mich. Du säufst nicht, du rauchst nicht, du hurst nicht und du wirkst trotzdem nicht verklemmt. Hast du denn gar kein Laster?“ Ich überlegte kurz und antwortete dann: „Nö.“

Andreas brachte mir dann einige Jahre später das Pfeiferauchen bei. Damit ich wenigstens ein kleines Laster habe. Seit dem rauchte ich dann jeden Sonntagabend beim Tatort Pfeife als Wochenabschlussritual. (Seit meiner Schwangerschaft allerdings nicht mehr.)

Einmal redete ich lange mit einer Freundin mit akutem Liebeskummer. Sie schüttete mir ihr Herz aus, ich hörte ihr zu, nickte manchmal verständnisvoll. In diesem Gespräch wurde mir klar, dass meine Beziehung zu Gott mich in diesen Jahren wirklich so tief erfüllte, dass ich mir schlicht nicht vorstellen konnte, neben Gott noch einen Mann (oder eine Frau) in meinem Leben zu haben.

Ich lebte damals, völlig erfüllt und freiwillig, zölibatär. Auch als um mich herum sich viele Paare fanden und etliche davon heirateten, machte mir das nicht das Geringste aus. Ich hatte Gott und einen lebendigen Freundeskreis und vor allem viel Zeit zum Beten. Ich ruhte in mir und es ging mir gut. Auch alleine mit mir konnte ich es gut aushalten.

Während eines Spaziergangs im Wald bei Erlangen tat ich so etwas wie einen heiligen Schwur: Ich würde niemals heiraten, nur um nicht alleine zu sein. Wenn ich denn einmal heiraten sollte, dann aus Liebe, auch wenn ich mir das damals nicht wirklich vorstellen konnte.

Und ich sagte zu Jesus: „Herr, wenn du willst, heirate ich dich. Ich habe doch nur die EINE Liebe, wie könnte ich gleichzeitig dich und einen Mann (oder eine Frau) mit letzter Verbindlichkeit lieben?“

Ich fühlte mich tatsächlich als eine Braut Christi, um diesen alten Begriff zu bemühen. Und dabei innerlich sehr lebendig, und nicht etwa verklemmt.

Vor meiner Taufe hatte ich einmal eine kurze Affäre gehabt. Viele Jahre später eine weitere. Einmal war ich sehr verliebt. In eine Frau. Aber sonst war, bis ich sehr viel später meinen jetzigen Ehemann kennenlernte, absolut nichts „Sexuelles“ in meinem Leben.

Auch jetzt im Nachhinein glaube ich nicht, dass ich in dieser Hinsicht viel verpasst habe.