Spielplatzmystik

Früher….

Ich halte mich am Früher fest. Früher….da gab es für mich so viel. Chorproben, Musik, angeregte theologische Gespräche, Meditationsrunden.

Wie ich zog zum Hause des Herrn in fröhlicher Schar.

Jetzt: Mit Familie im Niemandsland. Gespräche sind stumm geworden. Kreisen um das Wetter, die Tagespolitik, den nächsten Einkauf.

Gott. Weit weg.

Spielplatz mit Korbi. Er tollt. Ich sitze auf einer Bank und atme.

Ein. Aus.

Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

„Mamaaa!“

„Ja Schatz?“

Ein. Aus.

Jesus. Christus.

„Mamaaaaa!! Schau mal!!“ – „Ja, Korbi. Du rutscht. Die Rutsche ist ganz schön hoch.“

Ein. Aus. Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

Korbi tobt. Ich atme. Ich bin da. Gott ist da. Jesus ist da. Der Spielplatz ist da. Korbi ist da.

Früher ist vorbei.

Vorbehaltlos wieder Pfarrerin?

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, der fragt vielleicht: Wie kann man denn Pfarrerin sein wollen, ohne von seiner eigenen Kirche restlos überzeug zu sein? Wie glaubwürdig ist eine Pfarrerin, die ihre eigene Kirche als etwas „Vorübergehendes“ ansieht, als eine mögliche Form unter vielen, und womöglich nicht einmal die beste? Wenn ich sehe, dass die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Form nicht mehr lange Bestand haben wird, wenn nicht eine radikale Trendwende eintritt – dann kann es doch wohl nur ein legitimes Motiv geben, weiter Pfarrerin zu sein: Nämlich, dass man mithelfen will, sich gegen den stetigen Abstieg und Verfall zu wenden. Dass man sich beide Beine ausreißen will, um die Institution Kirche vor dem Untergang zu bewahren. Wenn man das nicht will, ist man doch als Amtsträgerin dieser Kirche nicht glaubhaft. Oder?

In der Tat sind das auch meine eigenen Überlegungen. Kann ich glaubwürdig wieder Pfarrerin sein, wo ich doch eigentlich weiß, dass ich eben nicht nahtlos in dieses System hineinpasse, und das auch gar nicht will? Wo ich doch selbst sage, dass ich nicht glaube, dass es Kirche so wie wir sie kennen in 50 Jahren noch geben wird? (Wobei die 50 Jahre schon eher optimistisch gedacht sind, bei den momentanen Austrittszahlen.)

Wie sehe ich denn die evangelische Kirche, für die ich die Wiederbeilegung meiner Ordinationsrechte beantragt habe?

Zunächst einmal glaube ich, dass es die evangelische Kirche, wie wir sie in Deutschland kennen, eine Art bürgerlicher Mainstream-Protestantismus mit dem Anspruch, Volkskirche zu sein, bald wirklich nicht mehr geben wird. Ich bin der Überzeugung, dass wir uns darauf einstellen sollten, in nicht ferner Zukunft (20 Jahre höchstens) eine Minderheitskirche zu sein. Ich glaube ferner, dass auch die institutionelle Gestalt unserer Kirchen mit ihrem verbeamteten Pfarrerinnen und Pfarrern, ihrem Verwaltungsapparat und ihrem Reichtum an Immobilien in Bälde nicht mehr so bestehen wird, wie es Generationen vor uns gewohnt waren.

Und, auch wenn es hart klingt: Ich glaube auch, dass sehr viele Kirchengemeinden sich daran gewöhnen werden müssen, lange Zeit, Jahre lang, mit einer vakanten Pfarrstelle zu leben. Die Zeit der pastoralen Rundumversorgung ist bald Geschichte. Dasselbe gilt für viele liebgewordene Traditionen.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass „Kirche“ am Sterben ist. Global gesehen erleben wir, wie sich in Asien, Südamerika und Afrika Menschen in Massen zu Jesus Christus bekehren. Global gesehen stirbt Kirche nicht, sie erlebt vielmehr eine Blütezeit, auch wenn uns die Formen des Christentums und die Art, wie unsere Glaubensgeschwister vielerorts ihren Glauben leben, fremd sein mögen.

Aber auch im Blick auf unsere Breitengrade und speziell unsere evangelische Kirche glaube ich nicht, dass wir am Ende sind. Ich glaube vielmehr, dass etwas stirbt, damit daraus etwas Neues auferstehen kann. Nirgendwo im Neuen Testament steht geschrieben, dass eine bestimmte Art, „Kirche“ zu organisieren, die Verheißung hätte, ewig zu bestehen. Die einzige Kontinuität, die Kirche zu Kirche macht ist das Bekenntnis zu Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Daraus erwächst die Identität der christlichen Gemeinde, aus dem Geist Jesu heraus lebt und handelt Kirche, wo sie wirklich Kirche ist und in Jesus liegt ihre Hoffnung, durch die Turbulenzen aller Zeiten hindurch.

Ich kann und will (wieder) Pfarrerin in der evangelischen Kirche sein, nicht weil ich diese Institution für das A und O halte, oder weil ich unbedingt will, dass auch in 200 Jahren noch alles so ist, wie es heute ist. Sondern weil ich daran glaube, dass jetzt, hier und heute sich etwas von der ewigen, lebendigen Gemeinschaft mit Jesus Christus auch in dieser speziellen Art Kirche zu sein verwirklicht.

Auch wenn ich, um ehrlich zu sein, hoffe, dass die evangelische Kirche in 50 Jahren anders aussehen wird, als heute.

Warum das #Kreuz kein Zeichen bayerischer Identität ist

Auf Twitter trendet zurzeit #Kreuz und #Kruzifix. Warum dies so ist? Wegen der jüngsten Tweets unseres neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, seines Zeichens bekennender evangelischer Christ (jedenfalls gehe ich davon aus, dass man das ist, wenn man sich als Synodaler für die Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern betätigt hat).

Markus Söder fordert, bzw. das Kabinett hat beschlossen, dass in Ämtergebäuden und Behörden in Bayern künftig das Kruzifix, bzw. ein Kreuz zu hängen habe. (Anmerkung: Ein Kruzifix ist ein Kreuz mit Corpus, also die figürliche Darstellung des gekreuzigten Christus, ein Kreuz ohne Corpus, das sog. leere Kreuz hingegen ist ein Symbol der Auferstehung Christi).

Herr Seehofer pflichtet diesem Unterfangen mit einer höchst merkwürdigen Begründung bei:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bayern-in-jeder-behoerde-muss-kuenftig-ein-kreuz-haengen-a-1204523.html

Die Theologin in mir weiß nicht, ob sie jetzt lachen, weinen, schreien oder kotzen soll.

Und zwar, weil die Herren (und Damen) der CSU, die dies beschlossen haben, offenbar vom Wesen des christlichen Glaubens, den sie sich auf ihre Fahnen schreiben, herzlich wenig begriffen haben.

1. Das Kreuz/Kruzifix ist KEIN Zeichen bayerischer Identität

Zunächst einmal: Das Kreuz ist KEIN „Zeichen bayerischer Identität“. Das Kreuz ist das, bzw. ein zentrales Symbol des Christentums. Das Christentum ist eine weltumspannende Religion. Zu ihm gehören mehrere Milliarden Menschen unterschiedlichster Konfessionen und Traditionen, unterschiedlichster kultureller Herkunft, manche von ihnen suchen aus religiösen Gründen bei uns Asyl und müssen sich bei ihren Verfahrensprüfungen dafür rechtfertigen, dass ihnen die Rolle des Tischgebetes in der christlichen Frömmigkeit hierzulande fremd ist und werden wieder ausgewiesen, mit der Begründung, sie hätten sich nur aus Kalkül taufen lassen. Übrigens forciert durch Vorstöße eben dieser CSU, die sich den christlichen Glauben auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Das Kreuz ist kein Zeichen bayerischer Identität, sondern allenfalls ein Symbol internationaler und interkonfessioneller Solidarität der Christen und Christinnen in dieser weltumspannenden Gemeinschaft, die sich Kirche nennt. Das begreift nicht, wer Kirche hauptsächlich als heimattreuen Trachtenverein mit religiösem Anstrich versteht.

2. Es kann kein staatlich verordnetes Bekenntnis zum christlichen Glauben in staatlichen Ämtern und Behörden geben, weil Glaube eine höchst persönliche Angelegenheit ist.

Ich trage meistens ein Kreuz um den Hals. Es erinnert mich an Jesus Christus, ist eine Art persönliches Bekenntnis, manchmal muss ich mich auch selber daran erinnern lassen, was das bedeutet. Manchmal ist es ein Aufhänger für Gespräche, ein Erkennungszeichen für andere Christen, dass ich auch zu ihrem „Verein“ gehöre, und ich werde mein Recht ein Kreuz auch z.B. bei der Arbeit zu tragen auch verteidigen, bzw. nirgends arbeiten, wo man mir das Tragen eines schlichten Silberkettchens mit Kreuzanhänger verbietet.

Sich zum Glauben bekennen können aber nur Menschen, die diesen Glauben teilen, bzw. Glaubensgemeinschaften wie Kirchen, Freikirchen, etc.

Was ein Kreuz in staatlichen Behörden verloren hat, weiß ich nicht. Was soll es denn da? Ist es wie Horst Seehofer meint ein Symbol unserer gesellschaftlichen Werte, wie sie in Verfassung und Grundgesetz festgehalten sind?

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bayern-in-jeder-behoerde-muss-kuenftig-ein-kreuz-haengen-a-1204523.html

Dann sollte man lieber zentrale Sätze daraus an die Wände schreiben oder Exemplare derselben den Besuchern in die Hand drücken oder auslegen. Das Kreuz ist kein staatliches Hoheitszeichen. Wer als Christ in Ämtern oder Behörden arbeitet, der sollte versuchen, den Geist Christi in seine Arbeit einfließen zu lassen, z.B. seine Liebe zu Ausgegrenzten, Armen, Schutz Suchenden und sonst wie in unserer Gesellschaft benachteiligten Menschen.

3. Das Kreuz ist das Symbol des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus

Nun wird es theologisch etwas sperrig. Was nämlich theologisch gesehen das Kreuz bedeutet, wird längst nicht jeder teilen, der sich vollmundig zu Kreuzen in Ämtern, Behörden und öffentlichen Gebäuden „bekennt“.

Das Kreuz ist das Symbol des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Für Christen war Jesus nicht irgendein besonders guter Mensch, sondern in ihm verkörpert sich die Liebe Gottes zu den Menschen. In ihm nimmt die Zuwendung Gottes zu den Menschen Fleisch und Blut an. In ihm zeigt sich, dass Gott die Menschen und die von ihm erschaffene Welt so bedingungslos liebt, dass er sich selbst in sie hinein gibt und als einfacher Mensch unter einfachen Menschen lebt, liebt und letztlich aus Treue zu seiner Berufung auch stirbt. Aber er bleibt nicht im Tod, sondern er wird von Gott auferweckt, womit letztlich gesagt sein soll: Der Tod ist nicht das Ende und am Ende triumphieren auch nicht die Henker, Schlächter und Folterer, sondern die Liebe.

Das Kreuz ist das Symbol des mit den leidenden und erniedrigten Menschen solidarischen Gottes. Damit kann es niemals das machtpolitische Symbols eines Staates, einer Partei oder der Dominanz einer Weltanschauung über andere sein. Schon gar nicht das Wahlkampfsymbol einer Partei, die sich das C auf die Fahnen schreibt, aber das zum Vorwand nimmt, andere Religionen (und ihre Anhänger) als „nicht zu Deutschland gehörig“ auszugrenzen.

Wirklich christlich sind die Initiativen zahlreicher Einzelner, die an der Basis das Gespräch mit Andersgläubigen suchen und versuchen, zu integrieren, wo immer das möglich ist. Denn so war es in den ersten christlichen Gemeinden. „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave, noch Freier, sondern sie alle sind EINS in Christus Jesus.“

Womit wir wieder beim ersten Punkt wären: Das Christentum war von Anfang an international und multikulturell. Die Klammer, die alles verband, war die Person Jesu Christi, der ganz bewusst gesellschaftliche Grenzen überschritten hat und dafür auch angefeindet wurde.

Liebe CSUler, lest bitte die Bibel, vor allem das Neue Testament. Und dann fragt Gott, was das für eure Politik bedeuten könnte.

 

 

 

Wie plötzlich nicht mehr alles doof war

Heute war so ein ausgemachter Dooftag. Obwohl Sonntag ist. Oder vielleicht auch gerade weil Sonntag ist, und ich heute irgendwie vieles nicht machen konnte, was ich sonntags gern tue. Zum Beispiel vormittags in den Gottesdienst gehen. Warum nicht? Weil ich nachts ungefähr vier mal mit Wadenkrämpfen from hell aus dem Schlaf geschreckt bin und zur Aufstehzeit dann entsprechend platt war, sodass Gottesdienst heute für mich leider ausfallen musste. Doof.

Dann wollte ich eigentlich etwas spazieren gehen. Aber das Schneegestöber draußen gepaart mit meiner Erkältung und der Tatsache, dass bei uns rutschige Straßen zu erwarten sind hielten mich ab. Zumal ich zurzeit eh infektanfällig bin und außerdem auf gar keinen Fall ausrutschen will – das kommt einfach im 9. Monat Schwangerschaft nicht wirklich gut. Aber die Frischluft wäre so schön gewesen.

Missmutig verzehrte ich ein Frühstück aus nicht mehr frischen Semmeln vom Vorvortag. Dabei ließ ich den Blick über das Chaos in Ess- und Wohnzimmer schweifen und ärgerte mich über das innere Energielevel, das diesen Zustand momentan verursacht. Zurzeit kann ich mich einfach zu nichts wirklich aufraffen, was ja irgendwie kein Wunder ist, mich aber trotzdem nervt.

Und so ging alles seinen Gang. Fernseher an (vormittags um 11 Uhr, das mache ich sonst nie) und lustlos herum zappen. Etwas Eintopf zum Mittag (der war allerdings wirklich gut), dann Facebook, Twitter….aber irgendwie alles doof.

Nachdem ich meinem Unmut über diesen Dooftag zumindest virtuell Luft gemacht hatte (danke, Twittergemeinde, für deine schier grenzenlose Geduld) auf einmal blitzartige Klarheit, als ob ich einen Schritt neben mich trete und mich von außen betrachte. Warum lasse ich mich eigentlich derart herunter ziehen? Nein, die Umstände sind nicht lustig und erbaulich. Aber für meine eigenen Gedanken bin ich verantwortlich. Es liegt an mir, wohin ich sie richte und worauf ich schauen will. Auf all das Doofe. Oder doch lieber auf Gott, von dem ich mich doch getragen weiß.

So, dachte ich, und nun setze ich mich mit Bibel und Rosenkranz und einer Tasse Tee aufs Sofa und jetzt wird gebetet. Was dann geschah, lässt sich schwer in Worte fassen und leuchtet vermutlich nur dem ein, der regelmäßig betet. Die Gedanken sortierten sich. Dankbarkeit stieg auf. Ich betete für die Menschen um mich herum, die Nachbarn über uns, andre Anliegen, die mir gerade einfielen, für meinen wunderbaren Mann und mein Kind, ich dankte ausgiebig für alles Gute (auch das Gute im Schlechten und in der Anfechtung), und als ich ganz leer gebetet war, griff ich zum Rosenkranz und betete und meditierte noch die kompletten „glorreichen Geheimnisse“ durch.

Und siehe da, es schneit immer noch. Äußerlich hat sich gar nichts geändert. Aber auf einmal ist die innere Wolkendecke aufgerissen und es ist nicht mehr alles doof und vielleicht habe ich jetzt sogar die Energie, das eine oder andere aufzuräumen.

Aber zuerst mache ich mir noch eine Tasse Tee und genieße den Frieden.

Wie mir Glaube und Theologie bei der Bewältigung meiner Krebsdiagnose helfen (und wie nicht)

Vor ungefähr drei Wochen erfuhr ich, dass der Tumor, den Ärzte aus meinem Unterleib entfernt haben (bei laufender Schwangerschaft auch noch) bösartig war und ich Eierstockkrebs habe. Obwohl der Tumor draußen ist, kann ich leider nicht schreiben „hatte“ – denn es besteht immer die Möglichkeit, dass so ein Tumor bereits gestreut hat und Tumorzellen irgendwo in meinem Körper unterwegs sind, die man jetzt noch nicht nachweisen kann. Daher nun Chemotherapie.

Die Reaktionen auf meine Diagnose waren zum aller größten Teil ermutigend und solidarisch und ich weiß, dass viele fromme Menschen für mich beten und weniger fromme die Daumen drücken. Das tut mir gut. Danke dafür.

Öfter habe ich nun auch gehört: „Dein Glaube wird dir sicher helfen, das alles zu bewältigen.“ Aber auch, scherzhaft: „Was haste denn gemacht? Haste was ausgefressen und bei Gott verschissen?“

Zurzeit bin ich sehr froh, dass ich einen Glauben habe, dass ich konkret gesagt Christin bin und dass ich Theologie studiert, in Bibelkunde aufgepasst und die wesentlichen Dinge so verinnerlicht habe, dass sie mir nun wirklich helfen – allerdings anders, als manche vielleicht meinen.

Der Krebs, ich und der „Tun-Ergehen-Zusammenhang“

Aus meinem Studium des Alten Testaments nehme ich für meine Situation vor allem folgendes mit: Der Zusammenhang von Tun und Ergehen ist schon seit dem Buch Hiob/Ijob/Job überholt.

Will sagen: Menschen denken gern in monokausalen Zusammenhängen. Wenn du x tust, passiert dir y. Oder theologisch: Wenn du sündigst, wirst du krank. Oder: Wenn du krank bist, musst du gesündigt haben. Oder, modern: Wenn du Krebs hast, musst du irgendwas getan, gedacht, gegessen, geraucht…. haben, was diese Krankheit in dir auslöst. Die Theologen nennen das den „Tun-Ergehen-Zusammenhang“.

Auch die Bibel kennt solche Überlieferungen. Menschen sündigen – Gott schickt eine Strafe.

Allerdings gibt es auch schon innerhalb der Bibel genau an diesem Erklärungsmodell Kritik: Auch guten Menschen widerfährt Böses. Auch Menschen, die ihr Bestes geben, werden krank. Hiob klagt zu Recht, dass er doch nichts Falsches getan hat, trotzdem treffen ihn Krankheit und Unglück. Wir wissen nicht, warum die Dinge so geschehen wie sie geschehen. Vieles können wir eben nicht beeinflussen und wir durchschauen auch nicht, warum Gott etwas tut oder lässt. Krebs bekommt man nicht zur Strafe, weil man etwas Böses getan hat und auch der Zusammenhang mit Psyche, Ernährung… ist zumindest sehr umstritten. Krebs bekommt man nicht aus diesem oder jenem Grund (zumindest nicht ausschließlich). Sondern schlicht und einfach, weil die Zellen unseres Körpers sich ständig und permanent teilen – und manchmal geht bei diesem milliardenfachen Reproduktionsprozess etwas schief und Zellen entarten. Um ehrlich zu sein, wundert es mich mehr, dass das nicht viel öfter passiert, als es mich wundert, warum es „ausgerechnet mich“ getroffen hat.

 

Krebs und Rechtfertigungslehre – bedingungslos geliebt trotz Narben und Haarausfall

Vor wenigen Tagen begingen wir mit viel Brimborium den 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag und der Reformation. Die reformatorische Erkenntnis schlechthin war, dass ein Mensch „ohne Werke allein aus dem Glauben“ vor Gott gerechtfertigt sei. Auf deutsch: Um von Gott geliebt zu sein, muss man weder etwas leisten, noch etwas können, schön und gesund sein oder sonst wie perfekt. Gott hat Ja zu mir gesagt, sonst wäre ich nicht hier. Das gilt in guten und bösen Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, mit vollem Kopfhaar und mit Haarausfall durch Chemotherapie, es gilt mit unversehrter Haut und mit 30 cm Narbe am Bauch, es gilt sogar unabhängig davon, ob ich gerade glauben kann oder nicht. Alles ist Geschenk und ich kann darauf vertrauen, dass ich getragen bin.

Nicht warum, sondern wozu

Warum ich krank geworden bin, interessiert mich ehrlich gesagt nicht. Okay, ich versuche nun, mich gesünder zu ernähren und ein paar Stellschrauben meiner Lebensführung anders zu justieren. Schaden kann es nicht. Aber die Frage nach dem „Warum“ steht dabei nicht im Vordergrund, denn es gibt hunderttausende Menschen, die genauso gesund oder ungesund gelebt haben und trotzdem nicht Krebs bekommen.

Von Jesus wird überliefert, wie er und seine Jünger einem blind geborenen Menschen begegnen. Die Jünger fragen sinngemäß: „Meister, wer hat gesündigt, dass dieser blind geboren ist? er selber oder seine Eltern? Ist er aufgrund eigener Schuld so gestraft? Oder ist er eine Strafe für andere?“ Jesus antwortet darauf: „Weder hat er selbst gesündigt, noch seine Eltern, sondern an ihm sollen die Werke Gottes offenbar werden.“

Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Warum, den Ursachen, der Schuld,… bringt nicht weiter. Sondern die Frage: Wie kann diese Blindheit, Krankheit… verwandelt werden in etwas, das letztlich dem Leben dient? Beim Blindgeborenen folgt auf diesen Dialog dessen Heilung, die zugleich eine Lebenswende bei dem ehemals Blinden einleitet. Nicht immer werden Krankheiten geheilt. Aber dem Leben dienen können sie trotzdem. Zu bewussterem Leben führen. Bewusst machen, wie geliebt man in dem allen trotzdem ist. Eine Krankheit kann das Beste in einem Menschen, aber auch in den Menschen seines Umfeldes wecken. Auf einmal wachsen Solidarität, Mitgefühl, Nachdenken über das Leben. Die Frage, was einem wirklich wichtig ist, wenn die Gesundheit nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist. Auch ein Hinterfragen, ob Gesundheit eigentlich wirklich „das Wichtigste im Leben ist“. Vielleicht statt „Hauptsache gesund“ lieber „Hauptsache geliebt“?

Ich sehe meine Krankheit, im Moment zumindest, jedenfalls nicht als Katastrophe und auch nicht als Anfechtung des Glaubens. Natürlich wäre es ohne schöner. Aber im Moment zumindest kann ich auch mit ihr leben. Ich hoffe, dass das so bleibt.

…und wie mir mein Glaube NICHT hilft

Er gibt mir keine Antwort auf die Warum-Frage (aber die brauche ich auch nicht). Und es tut trotzdem weh, wenn Ärzte mir in Arterien herumbohren, im Bauch herumschnippeln oder ich Thrombose in den Beinen kriege. Ich fluche viel (aber das machen die Beter der Psalmen in der Bibel auch). Und „Scheiße!“ ist momentan eins meiner häufigsten Wörter. Ich finde aber, dass ich das auch darf.

 

 

 

 

Fronleichnam 2017

Und wieder ist Fronleichnam. Warum „und wieder“? Weil dieser Tag für mich einen Einschnitt markiert. An Fronleichnam vor zwei Jahren habe ich den Menschen kennengelernt, mit dem ich heute mein Leben teile. Damals wusste ich das noch nicht.

Fronleichnam vor einem Jahr liefen wir in der Prozession schon nebeneinander und hielten uns an der Hand. Fronleichnam dieses Jahr wohnen wir zusammen.

Deshalb „und wieder ist Fronleichnam“. Natürlich sind wir auch dieses Jahr wieder mitgelaufen, wie auch im letzten Jahr bei strahlender Sonne, mit einem Großteil der Katholiken dieser Stadt, aber auch mit vielen ökumenischen Gästen, was diesmal einfach besonders und bewegend war. Christsein geht heute nicht mehr isoliert und sauber nach Konfessionen sortiert. Es sind verschiedene Traditionen, es sind verschiedene Lehrmeinungen, aber es ist die eine Kirche, die Christus durch die Zeit trägt, hin zu den Menschen, so, wie der Priester an Fronleichnam die Monstranz vor sich her trägt, und die von Christus durch die Zeit getragen wird.

Fronleichnam heißt „Leib des Herrn“. Der Leib des Herrn, der in seiner Kirche und im Brot des Abendmahls/der Eucharistie präsent ist. Man kann das eine nicht vom anderen trennen. Und ich bin wirklich froh und dankbar, dass im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 nicht mehr das Trennende der Konfessionen im Mittelpunkt steht, sondern das Verbindende. Dass es heute ohne weiteres möglich ist, dass der evangelische Oberbürgermeister zu Fronleichnam ein Grußwort spricht und eine der Gottesdienststationen vor der evangelischen Hauptkirche platziert sein kann. Das alles war vor 100 oder sogar noch vor 50 Jahren undenkbar.

Möge es so weitergehen.

#twomplet – Beten in 140 Zeichen

Heute habe ich zum ersten mal seit langem mal wieder die Ehre, die #Twomplet vorzubeten. Über die Twomplet wurde schon viel geschrieben, aber noch nicht von allen. Was ist die Twomplet? Das Wort setzt sich zusammen aus Twitter und Komplet. Was Twitter ist, dürfte inzwischen bekannt sein. Was die Komplet ist, eher weniger. Mit dem Begriff Komplet bezeichnet man das Nachtgebet der Kirche. Die Komplet ist eine der drei wichtigen klösterlichen Gebetszeiten. Die Laudes (Lobgebet) ist das Morgengebet, meist um 6 oder 7 Uhr morgens gebetet. Die Vesper ist das Abendgebet (meist um 17 Uhr gebetet markiert sie das Ende des aktiven Teils des Tages). Die Komplet schließt den Tag ab. Man legt den Tag zurück in Gottes Hand, bittet um Vergebung für alles, was an diesem Tag nicht rund lief, um eine gesegnete Nachtruhe und Schutz leiblichen und geistigen Gefahren in dieser Nacht.

Soweit zur Bedeutung der Komplet im Allgemeinen. Die #Twomplet gibt es seit 2014 und seit dem findet sie jeden Abend um 21 Uhr im Netz statt, und zwar natürlich auf Twitter. Christen unterschiedlichster Prägung beteiligen sich daran. Jeden Abend gibt es einen Vorbeter. Damit es kein Durcheinander gibt, gibt es einen Doodle, in den man sich vorab einträgt.

Der Vorbeter gibt in kurzen prägnanten Sätzen (Tweets) die Grundlinie vor und verlinkt z.B. auf Videos bei YouTube (Glockenläuten, Lieder, etc.) – die Gemeinde beteiligt sich, indem sie unter dem Hashtag #Twomplet Fürbitten twittert oder einfach still mitliest.

Das mag für die nicht-twitternde Welt erstmal seltsam klingen. Aber der „Erfolg“ des Projektes und die ernste Anteilnahme vieler Menschen, die seit Jahren die Twomplet verfolgen oder sich aktiv einbringen zeigt, dass hier längst eine neue Form der geistlichen Gemeinschaft entstanden ist. Unkompliziert, ökumenisch, niederschwellig und doch tiefgründig.

Dass die #Twomplet Menschen „trägt“, merkt man zum Beispiel dann, wenn es wieder einmal irgendwo auf der Welt einen schlimmen Anschlag gab. In der Twomplet wird darauf immer eingegangen und gerade an solchen Abenden merkt man, dass sie länger dauert als sonst, dass sich mehr Menschen einbringen oder mitlesen.

Wer es einmal ausprobieren möchte, ob aktiv oder als stiller Mitleser: Jeden Abend um 21 Uhr. Ort: Weltweit. Auf Twitter und @twomplet bzw. #twomplet.

Man liest sich…

Multikulturelle Hochzeiten

In letzter Zeit hatte ich zwei Anfragen für freie Trauungen, die etwas „anders“ sind, als es freie Trauungen ohnehin schon sind. Und zwar deshalb, weil Braut und Bräutigam aus zwei unterschiedlichen Kulturkreisen und Religionen stammen. Bei dem einen Paar ist „er“ Muslim und sie evangelische Christin, aber beide nicht oder wenig praktizierend. Bei dem anderen Paar ist es umgekehrt, „sie“ ist Muslima und „er“ ist evangelischer Christ.

Hochzeiten wie diese haben besondere Herausforderungen, aber auch einen besonderen Reiz. Wenn es gut geht, dann demonstriert so ein Brautpaar im Kleinen, was eigentlich auf der ganzen Welt im interkulturellen Miteinander selbstverständlich sein sollte: Dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion sich einander mit Respekt und Liebe begegnen können, voneinander lernen, einander wertschätzen, das Gemeinsame stärken. Auch für die Familien der Braut und des Bräutigams kann es eine großer Erweiterung des eigenen Horizontes bedeuten zu erleben, wie der eigene Familienkreis um eine zunächst unbekannte Kultur erweitert und bereichert wird.

Für die Zeremonie selbst ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, jeweils die Elemente aufzunehmen, die in der jeweiligen Kultur wichtig sind. Oder, wie es sich eins der Paare wünscht, eben aus Gründen der Gleichberechtigung in der Trauzeremonie bewusst auf religiöse Texte, Gebete, etc, zu verzichten und stattdessen die Liebesgeschichte des Paares und die Würdigung der jeweiligen Familien in den Mittelpunkt zu stellen.

Falls beide einverstanden wären und es keinen Unfrieden in den Familien stiftet, wäre es aber genauso denkbar, wichtige Texte der jeweiligen Religion (z.B. Vaterunser oder 1. Sure) in die Zeremonie einzubinden. Wichtig ist, dass möglichst niemand das Gefühl hat, „zwangsweise“ für irgendetwas vereinnahmt zu werden.

Ich freue mich jedenfalls, dass ich außer kirchlich geprägten und völlig säkularen Brautpaaren nun auch zwei Paare begleiten darf, die aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen stammen. Letztlich sind sich wohl alle Religionen darin einig, dass die Liebe von Gott kommt. Schön, wenn zwei junge Menschen über die kulturellen Grenzen zueinander finden und einander versprechen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen.

Prägungen, die sich melden (Tagebuch)

Schon vor längerer Zeit hörte ich folgende kleine Anekdote: Ein bekennender Atheist im Gespräch mit einem katholischen Priester. Der Atheist im Brustton der Überzeugung: „Ich bin vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten, und das ist auch gut so!“ – Der Priester: „Das mag sein, aber die Kirche ist nicht aus Ihnen ausgetreten.“

Nun bin ich ja nicht ausgetreten, schon gar nicht aus der katholischen Kirche, in der ich nie drin war. Ich bin lediglich von der evangelischen in die alt-katholische Kirche konvertiert. Merke aber zunehmend: So butterweich und geschmeidig wie ich gehofft hatte, geht so ein Wechsel nicht. Seit meiner Taufe mit 20 Jahren war ich evangelisch, sogar Amtsträgerin, insgesamt über 20 Jahre lang. Und bei allem „neu anfangen wollen“ und „Kirche ganz anders leben wollen“ und aller Liebe zum „Katholischen“ bleiben 20 Jahre eben doch eine sehr prägende Zeit. Ich merke es an vielen kleineren und größeren Dingen. Mir gehen evangelische Kirchenlieder im Kopf und im Herzen herum, die halt einfach zu diesem oder jenem kirchlichen Feiertag gesungen werden, aber in einer anderen Konfession keine Rolle spielen. Ich beobachte mit einem halben oder mit anderthalb Augen im Netz, was bei der ELKB-Synode so läuft. Ich merke, dass ich eigentlich doch ganz gern wieder Teil einer „größeren“ kirchlichen Gemeinschaft wäre, als meiner momentanen. Die alt-katholische Kirche hat den Charme einer kleinen und progressiven Gemeinschaft. Mir gefällt daran sehr viel, nicht zuletzt die Liturgie. Merke aber auch, dass viele ihrer Fragestellungen einfach daraus resultieren, dass sehr viele ihrer Mitglieder frustrierte ehemalige Katholiken sind, die hier beinahe trotzig eine neue Heimat suchen….und dass deren Fragen nicht unbedingt meine Fragen sind.

Allerdings hatte es auch (für mich sehr gravierende) Gründe, dass ich vor zwei Jahren konvertiert bin und auch das kann und will ich nicht einfach vom Tisch wischen. Ich kann nicht einfach da wieder anknüpfen, wo ich vor zwei Jahren aufgehört habe. Die letzten zwei Jahre haben mich verändert. Fast alles in meinem Leben ist anders geworden.

Also bleibe ich jetzt erst mal wo ich bin. Ich habe momentan gravierende Fragen als die, ob ich wieder evangelisch werden will. Oder gar versuchen, in meiner ehemaligen Kirche wieder irgendein „Amt“ zu ergattern. Ich schließe es nicht kategorisch aus, aber so ein Schritt, sollte er irgendwann dran sein, braucht noch viel innere Klärung.

 

Jahresbilanz einer freien Theologin

In manchen Kirchengemeinden ist es üblich, beim Gottesdienst zu Jahresschluss (an Sylvester) noch einmal innezuhalten und Rückschau auf das Gemeindeleben in diesem Jahr zu halten. Auch wie viele Menschen jeweils getraut, getauft oder bestattet wurden.

Meine Jahresbilanz als freie Theologin im Jahr 2016:

22 Beerdigungen, 5 freie Trauungen, 1 Ehejubiläum, 4 freie Taufen/Kindersegnungen.

Das sind insgesamt 38 „direkt betroffene“ Personen. Und viele, viele die mitgefeiert oder mitgetrauert haben, je nachdem.

Mein „weitester“ Einsatz war die Fahrt zu einer Beerdigung in Ilmenau (ca. 85 km). Die „nächstgelegenen“ Dienste waren natürlich in Coburg. Und ansonsten bin ich viel im Coburger Land und in Südthüringen herumgekommen.

Interessant ist, dass die zahlenmäßige Staffelung (relativ viele Beerdigungen auf relativ wenige Trauungen und Taufen) so ziemlich dem entspricht, was auch in Kirchengemeinden anfällt.

Ich bin dankbar für viele gute Gespräche und Begegnungen bei der Vorbereitung der einzelnen Feiern. Und auch für die weltanschauliche Spannbreite meiner „Kunden“, von total atheistisch bis eigentlich ziemlich fromm, aber…

Insgesamt bin ich mit dem Jahr auch beruflich zufrieden. In dieser Richtung darf es jetzt gerne weitergehen.