Probenstress und Sängerslust

Vor zwei Wochen erreichte mich eine relativ verzweifelt wirkende Rundmail. Zum 225. Geburtstag des völlig unbekannten aber aus dieser Region stammenden Komponisten Andreas Späth soll es am Samstag, dem 16.5. ein Jubiläumskonzert geben, und irgendwie hat wohl jemand es versiebt, rechtzeitig einen Chor und Musiker aufzutreiben. Nun sind Musiker und Sänger ganz praktisch, wenn man zwei Vokalwerke mit Orchesterbegleitung aufführen will. Und dann nahm das Verhängnis seinen Lauf. Ich sagte natürlich zu. Mit mir zwei Hände voll andere. Naja, drei Hände. Aber jedenfalls so wenige Hände voll, dass die Besetzung diesmal wirklich klein ist und jetzt wird geprobt bis zum Abwinken. Es ist etwas eine Zitterpartie. Wenn auch nur einer fehlt, wird es in der betreffenden Stimmgruppe echt eng. Innerhalb von acht Tagen hatten wir glaube ich sechs Proben.
Die Leitung hat ein ganz junger Musiker (Schüler unseres Chorleiters), der die Sache mit viel Engagement und dem Mut der Verzweiflung angeht. Und beides braucht er auch dringend.
Andreas Späth, der Komponist um den es geht, stammt aus dem Dörfchen Rossach bei Coburg. Über ihn ist relativ wenig bekannt. Er wirkte in Coburg als Hoforganist und Kapellmeister. Wanderte aber irgendwann in die französische Schweiz aus und brachte es dort wohl zu einigem Geld und Ansehen. Neben einigen geistlichen und weltlichen Kantaten hat er wohl auch fünf Opern geschrieben, die aber verschollen sind. Notenmaterial gibt es so gut wie gar keins. Bzw. nur Autographen und fast keine Drucke. Ich bin echt gespannt, sie die Andreas-Späth-Rezeption sich in den nächsten Jahren noch entwickelt.
Wir singen von ihm die Pfingstkantate und eine „Motette zur Eröffnung eines Gesangfestes“, letzteres eigentlich für vierstimmigen Männerchor mit Blasmusikbegleitung, von Arno Seifert, unserem jungen Leiter, umgearbeitet für gemischten Chor und Streicher.
Probenstress hin oder her, ich finde es aufregend, bei der Neuentdeckung eines (fast) unbekannten klassischen Komponisten dabei zu sein. Wer weiß, vielleicht sind wir seit 200 Jahren die ersten, die diese Musik aufführen. Im Netz findet man zumindest fast nichts.
Also alle mal Daumen drücken, dass übermorgen niemand heiser ist – Ausfälle wären da jetzt echt ganz schlecht.

Macht hoch die Tür…..

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, so schallt es diesen Sonntag wieder landauf landab durch unsere Gotteshäuser. Luis, 2. Klasse, hat Bedenken. „Das stimmt doch gar nicht. Es muss heißen das Tor!“ Und überhaupt, Türen hoch machen! Wie soll das denn gehen? Ich frage mich, wie viele Gottesdienstbesucher wohl ähnliche Bedenken hegen beim Absingen unseres kirchlichen Liedgutes. Gerade zur Weihnachtszeit. „Es ist ein Ros entsprungen“ – Ein Ross, das kann entspringen. Aber ein Ros? Also eine Rose? Wie und wohin springt die denn? Wer ist eigentlich diese „Tochter Zion“? Heißt die so? Das schöne Adventslied mit dem Titel „Dein König kommt in niedern Hüllen“ (EG 14)  – das traue ich mich schon lange nicht mehr mit Gemeinden zu singen, obwohl ich es sehr mag. O je. Was soll man nur tun? Die schönen alten Lieder umdichten?
Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze für unsere alten Adventslieder brechen. Denn sie besitzen oft eine inhaltliche Tiefe, an die manche Predigt nicht heranreicht und manch modernes Kirchenlied erst recht nicht. Aber dazu muss man sich darauf einlassen. Mich macht es als Pfarrerin oft ratlos, wenn manche Gottesdienstbesucher bei den Liedern demonstrativ ins Leere starren. Vielleicht ist Singen nicht jedermanns Sache, aber man kann sich doch wenigstens mal auf den Text einlassen und mitlesen, wenn die anderen singen. Wenn es nach mir ginge, würde überhaupt im Gottesdienst viel mehr gesungen und weniger geredet. Vom Heiligen Augustinus ist der Satz überliefert: „Wer singt, der betet doppelt!“ Und ich erlebe das tatsächlich so. Wenn Menschen miteinander singen, vereinen sich auf geheimnisvolle Weise ihre Seelen und schwingen sich ein auf etwas Größeres, was der einzelne nicht erreichen könnte. Ich möchte Sie ermutigen, wenn Sie in den Gottesdienst gehen die Lieder nicht nur abzusitzen wie die Werbepause im Fernsehen. Sondern mitzusingen. Oder zumindest mitzulesen und sich auf die Inhalte der oft sehr alten Lieder einzulassen. Und ich bin sicher, Sie werden etwas mitnehmen.
Mein „Wort aus der Kirche“ für die Neue Presse (Coburg) für kommenden Sonntag. Das Wort aus der Kirche ist ein besinnlicher Text, den reihum verschiedene Pfarrerinnen und Pfarrer verfassen.