Jahresbilanz einer freien Theologin

In manchen Kirchengemeinden ist es üblich, beim Gottesdienst zu Jahresschluss (an Sylvester) noch einmal innezuhalten und Rückschau auf das Gemeindeleben in diesem Jahr zu halten. Auch wie viele Menschen jeweils getraut, getauft oder bestattet wurden.

Meine Jahresbilanz als freie Theologin im Jahr 2016:

22 Beerdigungen, 5 freie Trauungen, 1 Ehejubiläum, 4 freie Taufen/Kindersegnungen.

Das sind insgesamt 38 „direkt betroffene“ Personen. Und viele, viele die mitgefeiert oder mitgetrauert haben, je nachdem.

Mein „weitester“ Einsatz war die Fahrt zu einer Beerdigung in Ilmenau (ca. 85 km). Die „nächstgelegenen“ Dienste waren natürlich in Coburg. Und ansonsten bin ich viel im Coburger Land und in Südthüringen herumgekommen.

Interessant ist, dass die zahlenmäßige Staffelung (relativ viele Beerdigungen auf relativ wenige Trauungen und Taufen) so ziemlich dem entspricht, was auch in Kirchengemeinden anfällt.

Ich bin dankbar für viele gute Gespräche und Begegnungen bei der Vorbereitung der einzelnen Feiern. Und auch für die weltanschauliche Spannbreite meiner „Kunden“, von total atheistisch bis eigentlich ziemlich fromm, aber…

Insgesamt bin ich mit dem Jahr auch beruflich zufrieden. In dieser Richtung darf es jetzt gerne weitergehen.

Ein persönlicher Jahresrückblick

2016 wird bald Geschichte sein und es ist Zeit für den unvermeidbaren persönlichen Jahresrückblick.

2016 war politisch und weltpolitisch ein Jahr, das mir persönlich und vielen anderen großes Unbehagen bereitet, und ich fürchte, 2017 wird nicht anders sein. Es wird einem bewusst, dass wir hier in Deutschland, wo mit Sicherheit nicht alles perfekt ist und es mit Sicherheit auch große Ungerechtigkeiten gibt, dennoch auf einer Insel der Seligen leben. Ein europäisches Land nach dem anderen erlebt einen Rechtsruck und wir stehen, so mein Empfinden, ebenfalls kurz davor.

Brutale Kriege in Syrien und anderswo treiben hunderttausende Menschen aus ihrer Heimat. Das Elend brandet an unsere Landesgrenzen und Haustüren. Und manche haben nichts besseres zu tun, als Mauern und sichere Grenzen zu fordern.

Die US-Wahl gewinnt ein Mann, der offen Schwule, Andersgläubige und Behinderte beleidigt und der lügt, dass sich die Balken biegen. Was auch alle wissen, ihn aber trotzdem wählen.

Vom Terror rede ich erst gar nicht.

Kurz, die Welt dreht grade kollektiv durch. Ich bin nun nicht grade jemand, der leicht in Panik gerät. Aber die Großwetterlage ist verstörend und man fühlt sich in dem Ganzen irgendwie hilflos. Eine Sache die ich mir für 2017 vorgenommen habe: Ich will mich wieder mehr engagieren. Ehrenamtlich. In irgendeinem überschaubaren Bereich, in dem ich wirklich etwas tun kann. Und wenn es die Beteiligung bei der Rumänienhilfe der katholischen Kirchengemeinde ist. Das wird zwar nichts an der Großwetterlage ändern, aber wenigstens ein paar Menschen wenigstens etwas helfen.

Persönlich war es für mich ein sehr turbulentes Jahr. Seit nunmehr acht Monaten lebe ich einer Partnerschaft, was mich (und hoffentlich auch ihn) wirklich glücklich macht. Ein Highlight des Jahres war zweifellos unser gemeinsamer Tirol/Alpen-Urlaub im Juli. Erhabene Natur, einfache Unterkünfte, die körperlichen Grenzen spüren und merken, dass ich unbedingt etwas für meine Fitness tun muss…Berge haben halt keine Rolltreppe.

Beruflich hatte das Jahr sein Auf und Ab. Als freie Theologin gewinne ich langsam „Land“, hatte doch etliche schöne Trauungen, einige „freie Taufen“, diverse Beerdigungen und auch mal eine Paarsegnung zur Goldenen Hochzeit. Alles schön. Aber leider nicht ausreichend zur Bestreitung des Lebensunterhaltes, weshalb ich nach wie vor auf der Suche nach irgendeiner Teilzeitstelle bin, die sich mit meiner anderen Tätigkeit vereinbaren lässt. Ab Januar mache ich eine Weiterbildung zur Demenzbetreuerin (dafür gibt es staatliche Zuschüsse). Daneben bleibt mir halt nichts anderes übrig, als aufmerksam Stellenausschreibungen zu lesen und mich halt auf alles zu bewerben, was halbwegs passend aussieht.

Spirituell war es für mich ein Jahr, in dem ich oft mit Gott gehadert habe, aber Hadern bringt einen manchmal auch wieder näher zu Gott. Nach dem Motto: Besser streiten, als gar nicht miteinander reden. Immer wieder entdecke und praktiziere ich die mantrischen Gebetsformen, eben weil ich manchmal einfach nicht weiß, was ich beten soll und Gebet dann einfach heißt, sich der Gegenwart Gottes auszusetzen, auch wenn man grade etwas auszusetzen hat an allem, was einen ärgert oder traurig macht. Also: Jesusgebet. Rosenkranz. Messe.

Zusammenfassung: Dass es grade leicht ist, kann ich nicht behaupten. Trotzdem würde ich um keinen Preis der Welt die Uhr zurückdrehen und meine Kündigung als Pfarrerin rückgängig machen wollen. Was ich allerdings weiterhin suche, ist der Ort, an dem ich nicht nur punktuell, sondern möglichst dauerhaft meine Gaben einbringen kann. Ob das nun eine ehrenamtliche oder eine bezahlte Tätigkeit ist.

Immer mehr bin ich der Ansicht, dass ein bedingungsloses Grundgehalt eine wunderbare Sache wäre. Nicht um faul sein zu können. Sondern um den Rücken frei zu haben, Dinge zu tun, die einem selbst und auch anderen etwas bringen, für die es aber normalerweise keinen materiellen Lohn gibt: Ehrenamt, Engagement für politische oder soziale Belange, etc.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Rest-Advent und frohe Weihnachten, falls wir uns nicht mehr lesen.

Eure Christiane Müller

Beerdigung „Gott-los“

Kommende Woche habe ich erstmals in meiner kompletten Laufbahn eine Beerdigung völlig ohne „Gottesbezug“. Ohne „Kirche“ hatte ich schon öfter. Das waren meistens Leute, die aus welchem Grund auch immer aus der Kirche ausgetreten waren „aber seinen Glauben hat er schon gehabt“. Dann mache ich das eben etwas weniger „liturgisch“, aber Vaterunser und Segen am Grab soll und darf schon sein.

Diesmal liegt die Sache anders. Der Verstorbene war nicht nur nicht in der Kirche, sondern hatte auch Probleme damit. Also wird es eine Beerdigung „oben ohne“.

Erstaunt stelle ich fest: Es geht. Man kann durchaus auch etwas Sinnvolles und sogar irgendwie Tröstliches sagen, ohne dass Gott „vorkommt“. Mir erschließen sich da grad völlig neue Wahrnehmungen.

Mein theologischer Background ist trotzdem sehr hilfreich. Im Grunde halte ich ohne den Vers zu erwähnen eine Ansprache über „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Darum geht es doch letztlich. Wie können wir angesichts des Todes leben? Und auch die einschlägigen Texte aus der Agende wie z.B. die „Verabschiedung“ sind ausgesprochen hilfreich. Die lassen sich nämlich auch in nicht-kirchliche Sprache übersetzen. Am Grab werde ich einladen, dass jeder sich Zeit nimmt so Abschied zu nehmen, wie es für ihn gut und richtig ist. Dazu kann es natürlich gehören, still das Vaterunser zu beten.

 

Traut euch!

Dieser Tage bin ich viel in Sachen freie-Trauungen-vorbereiten und Neues anbahnen unterwegs. Kommenden Sonntag bin ich mit einem Stand auf der Hochzeitsmesse „Traut euch!“ in Coburg vertreten. So richtig professionell mit zwei RollUps von Pastor2Go, Flyern, Gutscheinen und Vertrags-Vordrucken.

Außerdem trudeln nach und nach doch einige Anfragen für freie Trauungen ein, sodass ich mir jetzt wirklich Gedanken machen muss, wie ich das gut kanalisiere und was ich annehmen kann und was nicht. Nicht nur wegen der Menge der Anfragen. Sondern vor allem, wie kürzlich geschrieben, wegen der teilweise doch sehr „interessanten“ Preisvorstellungen der Brautpaare. Ich weiß nicht, wie manche Menschen meinen, dass eine freie Rede zustande kommt. Aber das ist wohl allgemein eine Beobachtung, die man immer wieder machen kann: Geistige Arbeit erscheint vielen irgendwie wertloser, als Arbeit, bei der ein „Produkt“ oder ein sichtbares Ergebnis herauskommt.

Heute habe ich eine interessante Grafik im Netz gefunden, die basierend auf einer Umfrage unter freien Theologen veranschaulicht, wie es mit der Preisstaffelung im Bereich der freien Trauungen aussieht. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mit meinen bisherigen Preisvorstellungen mich noch eher im Niedriglohnbereich bewege.

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Gut wäre es, neben einer Agentur so etwas wie eine Ständevertretung unter freien Theologen zu haben, die auf gewisse Standards achtet – unter anderem eine gewisse Preisbindung.

Kommende Woche habe ich einen Termin mit einer Hochzeitsplanerin hier aus Coburg. Solche Kontakte sind wichtig. Und so füllt sich der Terminkalender langsam aber stetig. Was gut ist. Es braucht halt alles seine Zeit.

Gott und meiner Berufung treu bleiben….

Gestern erhielt ich eine Mail, die mich ziemlich irritiert hat. Ein Mensch, von dem ich dachte, dass er mich gut kennt und den ich auch sehr schätze, schrieb mir sinngemäß, er mache sich Sorgen, dass ich auf den Zug einer „Theologie light“ aufspringe. Und er wünsche mir, „dass ich mir selbst und Gott treu bleibe“.
Aha.
Ich muss sagen, das hat echt gesessen. Es gibt nicht viele Menschen, die sich überhaupt solche Gedanken machen und ich vermute, dass seine Sorge um mich echt ist. Aber es war schon sehr…direkt?
Wer mich kennt, der weiß, dass ich in mir eine sehr große Spannweite an Emotionen trage, die nicht immer nach außen sichtbar sind. Das bringt es mit sich, dass manche Menschen erstaunt sind, dass ich an einem Tag einen sehr tiefsinnigen Artikel schreiben (oder eine sehr tiefsinnige Predigt halten) kann, und am nächsten Tag hemmungslos herumblödele, ob nun bei der Tatort-Besprechung auf Twitter, oder live und in echt mit Freunden und Bekannten.
Konkret ging es um mein Buch, „Sonntagsarbeit“. Im Grunde kommen darin genau diese beiden Seiten zum Vorschein. Es hat sehr alberne Passagen, aber auch ziemlich ernste. Bin ich mir denn untreu, nur weil ich nicht immer ernst und tief herumgründele?
Oder werde ich Gott untreu, weil ich mich entschieden habe, zumindest vorerst aus einem Beruf auszusteigen, der mir nur sehr bedingt entspricht? Ist seiner Berufung nur treu, wer sich über Jahrzehnte verbiegt und irgendwann in der Psychiatrie landet?
Ist sich selbst nur treu, wer sich nicht verändert?
Ich habe ihm geantwortet, dass ich, nach meinem Dafürhalten, Gott und mir selbst im Moment treuer bin als in den letzten zwölf Jahren, weil ich gerade die Spannung aushalten muss, meinen Platz neu zu suchen und für meine Berufung einen neuen Raum zu finden, ohne zu wissen, wohin mich dieser Weg führt.
Es ist eine existentielle Ungewissheit. Auch wenn ich mich selber dafür entschieden habe. Auch wenn ich weiterhin verbeamtet und damit, wenn alle Stricke reißen, materiell abgesichert bin und es vielleicht irgendwann in den Pfarrerberuf zurück geht.
Momentan fühle ich mich ein wenig wie Elia in der Wüste. Er sitzt unter seinem Wachholderbaum, er weiß nicht wohin es geht, aber ein Engel kommt vorbei und bringt ihm Brot und Wasser. Das geht so lange, bis der Engel sagt: „Steh auf, du hast einen weiten Weg vor dir!“ Aber auch danach kehrt Elia erst einmal nicht ins Leben oder zu konkreten Aufgaben zurück, sondern er geht noch tiefer in die Wüste und macht dort eine Gotteserfahrung. Dann erst geht es zurück, nach draußen, zu den Leuten, zu einer neuen Aufgabe.
Ist das jetzt tiefsinnig genug?
Darf ich jetzt wieder albern sein?
Sehr schön. Dann sehen wir uns heute Abend beim Tatort.

PS: Ein ehemaliges Gemeindeglied hat mir zum Abschied eine ganz schöne selbst gemalte Ikone von einem Engel geschenkt, der einen Fingerzeig in die richtige Richtung gibt. Daran musste ich eben bei dem Engel in der Wüste denken.

Neuer Blog

Von nun an habe ich einen Zweitblog. Auf dem stehen brave, biedere, allgemein gültige Überlegungen (natürlich immer mit Tiefgang). https://dietheologin.wordpress.com
Da geht um allgemeine theologische Themen, und sonst gar nichts.
Ich empfehle diesen Zweitblog vor allem jenen Leserinnen und Lesern, die mit diesem Blog hier offenbar nichts anfangen können, aber trotzdem jeden Tag hier rein klicken – warum auch immer. Ich muss da manchmal an einen katholischen Kollegen denken, der ähnliche „Fans“ hatte/hat. Die abonnierten seinen Newsletter aus nur einem einzigen Grund, nämlich um sich darüber aufzuregen.
Eigentlich wollte ich diesen Blog jetzt privat schalten. Ich mache es nun doch nicht. Weil schon mehrere Leute es bedauert haben, die hier gerne mitlesen und denen das hier offenbar etwas gibt.
Und außerdem ist heute Pfingsten. Damals haben die Jünger die Fenster und Türen aufgerissen und sich nicht (mehr) versteckt.