Tschüs, Andreas.

München 2015

Anfang dieser Woche traf es mich beim Öffnen von Facebook wie ein Schlag: Andreas Ebert ist gestorben. Wer er für mich war: Ein Freund. Ein Wegbegleiter. Einer der Menschen, in deren Gegenwart ich zur besten Version meiner selbst werden konnte.

Wer er für mich war: Ein Zuhörer. Ein wortgewandter witziger Gesprächspartner. Ein Jesusfan.  Ein Mensch mit liebenswerten Macken und Lastern. (Keine Angst Andreas. Ich erzähle jetzt nicht, wie….du weißt schon.)

Als wir uns kennenlernten war ich 21, Theologiestudentin und voller Selbstzweifel und Komplexe. Er war auf einmal irgendwie in meinem Leben, war da, hörte zu. Ich fühlte mich gesehen und verstanden.

Es entwickelte sich eine Freundschaft, die mal intensiver war, mal weniger eng, manchmal auch einschliefdie aber immer wieder sofort da war, wenn wir uns sahen oder miteinander telefonierten oder uns auf Facebook hin und her schrieben.

Dreimal waren wir zusammen im Urlaub, es waren jedesmal Highlights und herrlich entspannte und unkomplizierte Wochen. Auf einer Kreuzfahrt von Moskau nach St. Peterburg theologisierten wir bis tief in die Nacht und entwickelten spannende Theorien.

Ebenso auf dem Hotelbalkon auf Mykonos, nachdem wir uns beide mit Rotwein und Ouzo ziemlich die Kante gegeben hatten. Sehr angetrunken debattierten wir über die Rätsel der Welt und das Wesen Gottes, und ich bin sicher, wir fanden bahnbrechende Antworten. Leider ist das einzige woran ich mich am nächsten Tag erinnern konnte, dass Andreas meinte: „Wie schade, dass wir uns morgen früh an nichts mehr erinnern werden.“

Ebenfalls im Urlaub meinte Andreas zu mir, ich sei zu heilig, ich bräuchte ein Laster, und brachte mir das Pfeife rauchen bei. Abends beim Tatort. Mehrere Jahre lang war das dann mein Sonntagabendritual. Die Pfeife beim Tatort.

An der real existierende Kirche verzweifelten wir im Duett. Mit dem Unterschied, dass es ihm immer wieder gelungen ist, in ihr die passende Nische zu finden oder sich zu schaffen. Während ich nur noch den Weg aus dieser Kirche heraus gesehen habe. Dann brachen für mich ganz andere Zeiten an:

Mit Mann. Und Schwangerschaft. Und Krebserkrankung. Andreas fieberte aus der Ferne mit. Freute sich über meine Gesundung und die Geburt von Korbinian. Gesehen haben wir uns dann leider immer seltener, auch weil ich durch das werdende Leben in mir und das später dann sehr dominante gewordene Leben unglaublich in Beschlag genommen war. Aber eine große Freude war es für mich, dass Andreas bei der ökumenisch geprägten Taufe unseres Sohnes den evangelischen Part übernommen hat. Traurig ist, dass es das letzte Mal war, dass ich ihn wirklich gesehen habe, von Angesicht zu Angesicht – und das ist nun schon wieder fast vier Jahre her. Dann: Vereinzelte Telefonate. Zu Weihnachten habe ich ihm einen Brief geschrieben, er hat sich auf Whatsapp bedankt. Das habe ich aber erst jetzt gelesen, weil ich WhatsApp so gut wie nie nutze. Ich wunderte mich nur, dass nichts kam. Es macht mich im Nachhinein sehr traurig, dass wir uns nicht verabschieden konnten. Und dass ich mir in den letzten Jahren nicht viel mehr Zeit genommen habe. Ich bin aber sicher, dass er mir verziehen hat. Manchmal „rede“ ich seit seinem Tod mit ihm.

„Na? Wie isses da so?“ – „Viel besser als alles, was du dir vorstellen kannst.“ Ich höre ihn geradezu reden. Seinen Tonfall, seine dreckige Lache. Und heute habe ich mich auf die Suche nach meiner Pfeife gemacht. Egal ob gutes Mamavorbild oder nicht. Sonntag abend wird jetzt wieder Pfeife geraucht. Mit dem Tabak mit Kirscharoma, denn ich ziemlich oft bei ihm gerochen habe. Ich bin sicher, es wird ihn freuen.

Trauern und trotzdem das Leben feiern – Blumenschmuck

Bei den meisten Trauerfeiern, die ich erlebt habe, wurde ein Florist/ eine Floristin mit der Gestaltung des Blumenschmucks beauftragt. Manchmal gleicht der Boden rund um Sarg oder Urne einem wahren Blumenmeer. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen bei Trauerfeier standardmäßig nur weiße Lilien (die Trauerblume schlechthin) zum Einsatz kamen.  In letzter Zeit erlebe ich sehr oft BUNTEN Blumenschmuck bei Trauerfeiern! Und das ist auch gut so. Ich finde es schön und es ist sehr stimmig, wenn bei einer Trauerfeier die Lieblingsblumen des Verstorbenen das Bild dominieren dürfen. Auch wenn es sich dabei um Sonnenblumen, Gänseblümchen oder andere Lieblingspflanzen handelt. Schade, dass man nicht alles zu jeder Jahreszeit bekommt. Aber wenn irgend möglich, kann man den Blumenschmuck farbenfroh und lebendig gestalten. Warum nicht im Sommer sogar mit selbst gepflückten Blumenwiesen? Vielleicht entspricht das dem Leben einer schlichten Frau vom Lande (beispielsweise) viel besser, als das edle und gediegene Rosenbouquet vom Floristen. Außerdem ist es ein schönes Symbol der Verbundenheit und der Liebe zu dem Verstorbenen, wenn Angehörige den Blumenschmuck selbst gestalten. Ich finde, es kommt nicht so sehr auf den perfekten Strauß oder Kranz an, sondern auf die Liebe, die durch die Blumen spricht.

In letzter Zeit erlebe ich häufig Schalen mit Blüten oder Blütenblättern am offenen Grab. Diese kann man als letzten Gruß an den Verstorbenen ins offene Grab werfen, vor allem, wenn man sich scheut, den klassischen „Erdwurf“ zu vollziehen, oder zusätzlich dazu: Die Erde als Zeichen des Vergänglichen, Endgültigen („von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden“). Die Blüten als Symbol für die bleibende und unvergängliche Liebe zu dem Verstorbenen.

Trauern und trotzdem das Leben feiern – Musik bei Trauerfeiern

Wie beim letzten Eintrag angekündigt, möchte ich heute und in den nächsten Artikeln ein paar Anregungen schreiben, wie man Trauerfeiern so gestalten kann, dass das LEBEN und die LEBENDIGKEIT im Mittelpunkt stehen – trotz aller Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen.

Heute soll es um die Auswahl von Musik gehen.

Bei einer Trauerfeier gibt es in der Regel Musik, wobei die Angehörigen unterschiedliche Möglichkeiten haben: Live, vom Band, mit Orgel, mit oder ohne ein gemeinsames Lied der Trauergemeinde, mit einem Musiker, den man zu diesem Zweck engagiert oder eine Kombination aus mehreren Möglichkeiten. (Beispielsweise ein Stück von einer Lieblings-CD des Verstorbenen und ein Stück live gesungen oder gespielt.) Zwei Dinge sind mir hier wichtig geworden:

  1. die Musikauswahl sollte in irgend einer Weise zu dem Verstorbenen passen. Wenn jemand Zeit seines Lebens nie oder so gut wie nie einen Gottesdienst besucht hat, sind kirchliche Lieder einfach nicht stimmig. Vor allem dann, wenn auch die meisten der anwesenden Trauergäste damit nichts oder wenig anfangen können. Die Musik sollte im Stil dem entsprechen, was und wie jemand gelebt hat. Die Möglichkeiten hier sind sehr unterschiedlich. Mutter z.B. liebte Klassik. Bei der Trauerfeier hatten wir von einer CD zwei Stücke von Bach (unter anderem aus dem Actus Tragicus) und eine klassische Musikerin spielte ein Stück auf der Bratsche. Neulich hatte ich die Trauerfeier für einen Mann, der Rock liebte. Da spielten wir natürlich keine klassische Musik. Die Gestaltung einer Trauerfeier mit dem Musikrepertoire, das der Verstorbene liebte, kann ungemein helfen, seine Trauerfeier zu einer LEBENSfeier werden zu lassen.
  2. Das zweite scheint dem eben Geschriebenen zunächst zu widersprechen. Obwohl eine Musikauswahl wichtig ist, die zu dem Verstorbenen passt, sollten es, so erlebe ich es zumindest, keine Stücke sein, denen die Angehörigen jederzeit im Alltag wieder begegnen können. Natürlich lässt sich das nie völlig ausschließen. Ein Beispiel: Angehörige wünschen sich ein unglaublich populäres Lied, nehmen wir einfach mal „Atemlos durch die Nacht“. Dieses Lied ist aber im Radio und im Fernsehen derart präsent, dass man permanent damit konfrontiert wird. Für Angehörige würde das bedeuten, auf Schritt und Tritt an die Trauerfeier erinnert zu werden. Ebenso verhält es sich mit Lieblingsliedern, die im gemeinsamen Freundeskreis oder in einem Verein, dem der Verstorbene angehörte, präsent sind. Angenommen, er war ein Fußballfan und die Angehörigen wünschen sich „You´ll never walk alone“. Von Liedern wie diesem rate ich in der Regel ab, und zwar nicht, weil sie für eine Trauerfeier unpassend wären, sondern weil man sie in bestimmten Kreisen eben permanent hört und mit jedem Mal die Erinnerung an die Trauerfeier wieder präsent wäre.

Fazit: Musik bedeutet Leben, keine Feier ohne Musik – und auch bei der letzten LEBENSfeier eines Menschen kann Musik viel dazu beitragen, auf gute Weise Abschied zu nehmen und das LEBEN zu würdigen. Der Musikgeschmack eines Menschen sagt sehr viel über ihn aus – und sollte unbedingt berücksichtigt werden.

Trauern und dennoch das Leben feiern

Zurzeit wird mir ein Aspekt bei der Vorbereitung von Trauerfeiern immer wichtiger. Nämlich die Dankbarkeit für das LEBEN des Verstorbenen. Nicht nur die Trauer über den Verlust in den Blick zu nehmen. Sondern alles, was dieses Leben ausgemacht hat. Die Hoffnung, dass eines Tages diese Dankbarkeit und die Liebe, die die Angehörigen mit den Verstorbenen verbindet, stärker sein wird als alle Trauer.

Eine Trauerfeier kann auch eine LEBENSfeier sein. Nicht weil die Angehörigen die Trauer verdrängen. Sondern weil sie wissen, wie reich ihr Leben durch diesen besonderen Menschen geworden ist, der nun von ihnen gehen musste.

Trauer und Freude über dieses besondere, einzigartige Leben liegen da mitunter nah beieinander und oft erlebe ich, wie Angehörige und Freunde von Verstorbenen bei der Feier unter Tränen lächeln, ja manchmal auch lachen können und sagen: „Ja, so war er, das war typisch für ihn!“

Mir wird es zunehmend wichtiger, das GANZE beim Tod eines geliebten Menschen zu sehen. Und auch wenn es abgedroschen klingt: Die Trauer ist die Kehrseite der Liebe. Ohne Liebe keine Trauer. Ohne Trauer keine Liebe. Menschen trauern, weil jemand geht, den sie lieben. Es wäre schade, wenn am Ende nur die Finsternis bleibt und nicht auch die Freude darüber, dass es ihn oder sie gegeben hat, die Freude über gemeinsam verbrachte gute Jahre, über den Schatz an Erfahrungen, der unser Leben bereichert hat.

Das hat nichts mit unterdrückter Trauer zu tun, sondern eher mit einer tiefen Wertschätzung für das Leben. Und so wird die Trauerfeier zugleich zum letzten Lebensfest des Verstorbenen und seiner Angehörigen.

Wie das konkret aussehen könnte, dazu im nächsten Artikel mehr.

Unter allen Wipfeln ist Ruh…

Heute hatte ich, nach Längerem mal wieder, eine Beerdigung im Ruheforst Coburger Land. Vor einigen Jahren habe ich diese Form der Beisetzung erstmals kennen gelernt. Statt auf einem Friedhof wird die Urne eines Verstorbenen in einem klar abgegrenzten Waldstück beigesetzt. Ich persönlich war von dieser Form der Beerdigung sofort begeistert:

Eine Beisetzung in der Natur, im Wald, drückt so etwas wie eine innere Verbundenheit mit der Schöpfung aus. Wir sind Teil der Natur. Wir sind Teil des Kreislaufes des Lebens. Bei einer Beisetzung im Wald wird das, so empfinde ich es immer wieder, besonders schön deutlich.

Ein Wald ist immer ein wunderbarer Ort. Zu jeder Jahreszeit ist ein Wald schön: Im Frühjahr, wenn das erste zarte Grün auf den Zweigen der Bäume aufbricht und der Boden mit Leberblümchen oder Buschwindröschen übersät ist. Im Sommer, wenn das dichte Laubdach Schatten und etwas Kühle bietet. Im Herbst, wenn alle Laubbäume in einem Feuerwerk von Farben explodieren. Und im Winter, wenn Raureif oder Schnee alle Bäume in ein glitzerndes Gewand hüllen. Wer braucht da noch Grabschmuck, Grabsteine oder Blumen?

Ein sehr pragmatischer Grund, warum ich mir, auch für mich selbst, diese Art der Bestattung im Wald vorstellen kann: Niemand muss ein Grab pflegen. Aber trotzdem gibt es einen Ort, den Angehörige oder Freunde besuchen können, um sich zu erinnern. Das ist übrigens der Unterschied zu einer komplett anonymen Beisetzung (oder gar zum Verstreuen der Asche im Meer oder sonst wo). Man weiß, wo die Urne begraben wurde. Und man hat einen Ort, den man besuchen kann.

Besonders Menschen, die naturverbunden sind, finden in einem Ruheforst oder Friedwald eine letzte Ruhestätte, die genau diese Naturverbundenheit auch widerspiegelt, ohne Angehörigen den Ort zum Trauern zu nehmen.

Falls ich irgendwann eine Art Testament oder letzte Verfügung schreibe, wird die Waldbestattung wohl die Option werden, die ich für mich wähle.