Spielplatzmystik

Früher….

Ich halte mich am Früher fest. Früher….da gab es für mich so viel. Chorproben, Musik, angeregte theologische Gespräche, Meditationsrunden.

Wie ich zog zum Hause des Herrn in fröhlicher Schar.

Jetzt: Mit Familie im Niemandsland. Gespräche sind stumm geworden. Kreisen um das Wetter, die Tagespolitik, den nächsten Einkauf.

Gott. Weit weg.

Spielplatz mit Korbi. Er tollt. Ich sitze auf einer Bank und atme.

Ein. Aus.

Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

„Mamaaa!“

„Ja Schatz?“

Ein. Aus.

Jesus. Christus.

„Mamaaaaa!! Schau mal!!“ – „Ja, Korbi. Du rutscht. Die Rutsche ist ganz schön hoch.“

Ein. Aus. Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

Korbi tobt. Ich atme. Ich bin da. Gott ist da. Jesus ist da. Der Spielplatz ist da. Korbi ist da.

Früher ist vorbei.

„Hast du Pläne?“

Lang tat sich hier nichts. Das letzte Mal schrieb ich vor etwa einem halben Jahr. Abschied von meinem lieben Freund Andreas Ebert. Hier knüpfe ich an.

Nach der Trauerfeier gingen mein Seelenbruder (hoffe die Bezeichnung ist ihm recht) Tilmann Haberer und ich an der Isar spazieren. Weil wir beide irgendwie nach zweieinhalb Stunden Trauerfeier nicht so wahnsinnig viel Lust auf Trubel („Leichenschmaus“) hatten. Die Sonne schien, die Isar rauschte. Und endlich mal wieder in Ruhe mit jemandem reden. Es tat gut.

Wir unterhielten uns. Natürlich über Andreas. Aber nicht nur. Und dann stellte er eine Frage, die mich bis heute beschäftigt: „Hast du eigentlich Pläne?“

Und mir fiel nichts ein. Nichts. Seit der Sache mit dem Krebs und seit der Geburt von Korbi habe ich manchmal das Gefühl, mein Leben dümpelt so auf dem Abstellgleis dahin. Klar. Ich habe einen Job, unterrichte an der FAKS Coburg, auf einer Teilzeitstelle, die auch für mich als Mama und seit meiner Erkrankung doch leicht gehandicapte Person leistbar ist. Das freut mich sehr, das gibt mir Sinn und einen Grund vor 8 Uhr aufzustehen. Ja, ich mag es. Aber Pläne? Nicht wirklich.

Ich spüre eine gewisse innere Unruhe. So, als ob da noch irgendwas kommen müsste.

Tilmann fragte damals weiter: „Und was Literarisches?“ Also doch endlich das Buch schreiben, das schon so lange in mir rumort?

Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Ich krieg das ja nicht mal mit meinem Blog auf die Reihe.“

Andreas Ebert meinte mal, aus meinen mystischen Erfahrungen und meinen theologischen Überlegungen dazu müsste unbedingt ein Buch werden.

Und manches vom hier Geschriebenen ist mir wirklich wichtig. Aber das, worum es eigentlich geht, ist zum einen so schwer in Worte zu fassen.

Also bleibt es beim „eigentlich würde ich schon gerne, aber was, wie, für wen und vor allem wann?“ Ich habe nicht den Nerv und auch nicht die Kapazität aus meinem wirren Blog ein Buch zu machen. Vielleicht liest das ja irgendjemand, der sich unversehens angesprochen fühlt, stöbert und feststellt: Genau so etwas hat unserem Verlagsprogramm gerade noch gefehlt. Das würde mir vermutlich einen Motivationsschub geben.

Hallo? Universum?

Tschüs, Andreas.

München 2015

Anfang dieser Woche traf es mich beim Öffnen von Facebook wie ein Schlag: Andreas Ebert ist gestorben. Wer er für mich war: Ein Freund. Ein Wegbegleiter. Einer der Menschen, in deren Gegenwart ich zur besten Version meiner selbst werden konnte.

Wer er für mich war: Ein Zuhörer. Ein wortgewandter witziger Gesprächspartner. Ein Jesusfan.  Ein Mensch mit liebenswerten Macken und Lastern. (Keine Angst Andreas. Ich erzähle jetzt nicht, wie….du weißt schon.)

Als wir uns kennenlernten war ich 21, Theologiestudentin und voller Selbstzweifel und Komplexe. Er war auf einmal irgendwie in meinem Leben, war da, hörte zu. Ich fühlte mich gesehen und verstanden.

Es entwickelte sich eine Freundschaft, die mal intensiver war, mal weniger eng, manchmal auch einschliefdie aber immer wieder sofort da war, wenn wir uns sahen oder miteinander telefonierten oder uns auf Facebook hin und her schrieben.

Dreimal waren wir zusammen im Urlaub, es waren jedesmal Highlights und herrlich entspannte und unkomplizierte Wochen. Auf einer Kreuzfahrt von Moskau nach St. Peterburg theologisierten wir bis tief in die Nacht und entwickelten spannende Theorien.

Ebenso auf dem Hotelbalkon auf Mykonos, nachdem wir uns beide mit Rotwein und Ouzo ziemlich die Kante gegeben hatten. Sehr angetrunken debattierten wir über die Rätsel der Welt und das Wesen Gottes, und ich bin sicher, wir fanden bahnbrechende Antworten. Leider ist das einzige woran ich mich am nächsten Tag erinnern konnte, dass Andreas meinte: „Wie schade, dass wir uns morgen früh an nichts mehr erinnern werden.“

Ebenfalls im Urlaub meinte Andreas zu mir, ich sei zu heilig, ich bräuchte ein Laster, und brachte mir das Pfeife rauchen bei. Abends beim Tatort. Mehrere Jahre lang war das dann mein Sonntagabendritual. Die Pfeife beim Tatort.

An der real existierende Kirche verzweifelten wir im Duett. Mit dem Unterschied, dass es ihm immer wieder gelungen ist, in ihr die passende Nische zu finden oder sich zu schaffen. Während ich nur noch den Weg aus dieser Kirche heraus gesehen habe. Dann brachen für mich ganz andere Zeiten an:

Mit Mann. Und Schwangerschaft. Und Krebserkrankung. Andreas fieberte aus der Ferne mit. Freute sich über meine Gesundung und die Geburt von Korbinian. Gesehen haben wir uns dann leider immer seltener, auch weil ich durch das werdende Leben in mir und das später dann sehr dominante gewordene Leben unglaublich in Beschlag genommen war. Aber eine große Freude war es für mich, dass Andreas bei der ökumenisch geprägten Taufe unseres Sohnes den evangelischen Part übernommen hat. Traurig ist, dass es das letzte Mal war, dass ich ihn wirklich gesehen habe, von Angesicht zu Angesicht – und das ist nun schon wieder fast vier Jahre her. Dann: Vereinzelte Telefonate. Zu Weihnachten habe ich ihm einen Brief geschrieben, er hat sich auf Whatsapp bedankt. Das habe ich aber erst jetzt gelesen, weil ich WhatsApp so gut wie nie nutze. Ich wunderte mich nur, dass nichts kam. Es macht mich im Nachhinein sehr traurig, dass wir uns nicht verabschieden konnten. Und dass ich mir in den letzten Jahren nicht viel mehr Zeit genommen habe. Ich bin aber sicher, dass er mir verziehen hat. Manchmal „rede“ ich seit seinem Tod mit ihm.

„Na? Wie isses da so?“ – „Viel besser als alles, was du dir vorstellen kannst.“ Ich höre ihn geradezu reden. Seinen Tonfall, seine dreckige Lache. Und heute habe ich mich auf die Suche nach meiner Pfeife gemacht. Egal ob gutes Mamavorbild oder nicht. Sonntag abend wird jetzt wieder Pfeife geraucht. Mit dem Tabak mit Kirscharoma, denn ich ziemlich oft bei ihm gerochen habe. Ich bin sicher, es wird ihn freuen.

Predigt Pfingsten 2021

Predigt zu 1. Mose 11,1-9


Damals sprachen die Menschen noch eine einzige Sprache, die allen gemeinsam war. Als sie von Osten weiterzogen, fanden sie eine Talebene im Land Schinar. Dort ließen sie sich nieder und fassten einen Entschluss. »Los, wir formen und brennen Ziegelsteine!«, riefen sie einander zu. Die Ziegel wollten sie als Bausteine benutzen und Teer als Mörtel. »Auf! Jetzt bauen wir uns eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht!«, schrien sie. »Das macht uns berühmt. Wir werden nicht über die ganze Erde zerstreut, sondern der Turm hält uns zusammen!« Da kam der Herr vom Himmel herab, um sich die Stadt und das Bauwerk anzusehen, das sich die Menschen errichteten. Er sagte: »Seht nur! Sie sind ein einziges Volk mit einer gemeinsamen Sprache. Was sie gerade tun, ist erst der Anfang, denn durch ihren vereinten Willen wird ihnen von jetzt an jedes Vorhaben gelingen! So weit darf es nicht kommen! Wir werden hinuntersteigen und dafür sorgen, dass sie alle in verschiedenen Sprachen reden. Dann wird keiner mehr den anderen verstehen!« So zerstreute der Herr die Menschen von diesem Ort über die ganze Erde; den Bau der Stadt mussten sie abbrechen. Darum wird die Stadt Babylon (»Verwirrung«) genannt, weil der Herr dort die Sprache der Menschheit verwirrte und sie in alle Himmelsrichtungen zerstreute.


Vor etwa 10 Jahren war ich auf einer Studienfahrt in China und Tibet. Nach einem schier endlosen nächtlichen Flug landeten wir gegen 14 Uhr Ortszeit in Shanghai. 10 Stunden Zeitverschiebung. Schwüle Hitze. Um uns herum hektisches Gewusel einer 10 Millionen Stadt. Desorientiert taperten wir hinter unserem Reiseleiter her. Überwältigt von einer Metropole, die hunderttausende fleißige Hände in einem bis dahin nahezu unberührten Sumpfgebiet aus dem Boden gestampft hatten. Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Um uns türmte sich Wolkenkratzer neben Wolkenkratzer, 500, 600 Meter hohe Bauwerke aus Glas und Stahl. Ein einziges Glitzern und Funkeln, ein Superlativ nach dem anderen. Nicht nur mir kam der Vergleich mit dem Turmbau zu Babel in den Sinn. Auf, wir bauen eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht.
Angesichts dieser gigantomanischen Ausmaße der Bauwerke erfüllte mich eine Mischung aus Bewunderung und Unbehagen. Was geht in Menschen vor, die eine solche Stadt planen und bauen, und was macht es mit Menschen, in einer solchen Stadt zu leben? Und wo sind die Grenzen menschlicher Gigantomanie?


Die Geschichte vom Turmbau zu Babel nimmt uns mit auf eine Reise. Eine Reise in eine ferne Vergangenheit, in eine andere Kultur. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, in der, heißt es, die Menschen noch eine einzige Sprache sprachen. Es handelt sich um eine so genannte Ätiologie. Eine Ätiologie ist eine Geschichte, die erklären will, warum etwas so ist, wie es ist.
Warum gibt es auf der Welt unterschiedliche Sprachen? Warum heißt die Stadt Babylon so wie sie heißt? Wo kommen die gigantischen Ruinen her, die die Israeliten um Babylon herum bestaunen konnten? Sollte die Stadt ursprünglich noch größer werden?


Mit einem ähnlichen Wort die dem fränkischen Wort „Gebabbel“ führen die Erzähler den Namen Babylons darauf zurück, dass Gott hier die Sprache der Menschen verwirrt habe. Vor dem Bauprojekt, heißt es, haben noch alle dieselbe Sprache gesprochen, sich verstanden, Hand in Hand gearbeitet. Dann aber wurden die Menschen überheblich und eitel, sie wollten sich einen Namen machen, indem sie eine riesige Stadt mit einem Turm bis zum Himmel bauen. Sie verloren Maß und Ziel. Daraufhin habe Gott ihre Sprache verwirrt und die Menschen in alle Winde verstreut und die Stadt konnte nicht fertig gebaut werden.
Beim Erzählen zeigen die biblischen Autoren auch Humor: „Auf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reicht!“, sagen die Menschen. Da fuhr JHWH hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, den die Menschenkinder bauten. Bis zum Himmel soll er ragen! Gigantisch! Das macht uns berühmt!- Und Gott so: Nanu, was machen die denn da unten, da muss ich mal runter und mir das aus der Nähe anschauen. Das Größte, was Menschen bauen können, ist immer noch so winzig, dass Gott sich weit herabbeugen muss, um es überhaupt zu sehen.


Wie immer in der Bibel geht es hier nicht um eine historische Wahrheit. Ob es je einen Turm zu Babel gegeben hat, ist eigentlich unwichtig – wichtig ist die theologische Stoßrichtung der Geschichte. Und die Frage, was sie über Gott und die Menschen aussagt.
Es heißt, dass Gott nach dem Versuch, ihm mit einem gigantischen Bauwerk Konkurrenz zu machen, die Sprachen der Menschen verwirrt und sie über die ganze Welt verstreut hat. Es ist die Hybris, die Anmaßung mit Gott auf einer Stufe zu stehen, die diese Strafe nach sich zieht. Damals versuchte man es mit einem Turm. Heute haben wir andere Projekte, mit denen wir Gott spielen können.
Dank überragender Technologien und menschlichen Leistungen meinen manche, es bräuchte gar keinen Gott, gar keine Religionen mehr – wir machen alles selber, sind unsere eigenen Götter. Ich glaube, dass das genau die Haltung ist, um die es bei der Geschichte vom Turmbau zu Babel geht. Die Verwirrung der Sprachen, hier dargestellt als eine göttliche Strafe, ist letztlich die Konsequenz dieser Haltung. Wer sich selbst einen Namen machen will, der hört nicht mehr auf andere und das Miteinander wird auch ohne göttliches Eingreifen schnell zu einem Gegeneinander, das in allgemeiner Verwirrung endet.


Bei allem technischen Fortschritt und all den Möglichkeiten, uns wie kleine Götter zu fühlen, schaffen wir es bis heute nicht, dass die Menschheit eine Sprache spricht. Wir bauen gigantomanische Wolkenkratzer aus Glas und Stahl. Wir fliegen zum Mars. Wir erschaffen genmanipuliertes Leben. Dank modernster Medizin steigert sich die Lebenserwartung in nie dagewesener Weise. Manches davon ist sinnvoll, dient dem Leben. Aber vieles entspringt immer noch demselben Motiv wie der Turmbau zu Babel: Wir wollen uns einen Namen machen! Unsere Nation ganz nach vorne bringen! Ruhm und Macht erlangen! Wir wollen immer mehr! Mehr Geld, mehr Macht, mehr Komfort. Aber wir tun es ohne innere Einheit, ohne dabei das Wohl der gesamten Menschheit im Blick zu behalten.
Aber je länger je mehr merken wir: Wir stoßen an Grenzen. Wir können nicht endlos so weitermachen, ohne den ganzen Planeten an die Wand zu fahren. Die Ressourcen sind begrenzt. Der Reichtum der einen ist immer auch die Armut der anderen, mit den bekannten Folgen: Klimawandel, Flüchtlingsströme, Kriege um knapper werdende Ressourcen. Wie wollen wir da wieder raus kommen?


Als an Pfingsten der Heilige Geist kam, haben wir vorhin gehört, da hat Gott durch ein Wunder die Sprachverwirrung aufgehoben und alle haben wieder eine Sprache gesprochen, oder sich doch wenigstens verstanden. Was hatten die Apostel getan, damit Gott ihnen den Heiligen Geist sendet? Es heißt, sie waren alle zusammen und haben gebetet. Da geschah das Wunder: Der Geist Gottes bewirkt, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft einander wieder verstehen und dass das Evangelium von Jesus Christus sich über die Welt ausbreiten kann.
Dort, wo Menschen sich auf Gott ausrichten, da kann der Heilige Geist wirken. Wo Menschen beten, da erkennen sie an, dass sie nicht der Mittelpunkt des Universums sind. Wer betet, der erkennt an, was er ist: Nicht mehr und nicht weniger als ein Mensch. Gott reagiert. Er schenkt echte Einheit, schenkt eine gemeinsame Sprache, die Fähigkeit, sich zum Wohle aller gemeinsam für diese Welt einzusetzen. Leider bleibt diese Haltung meist auf kleinere Gruppen begrenzt.


Damit sich dauerhaft etwas ändert ist ein Umdenken nötig. Die Menschheit muss wieder erkennen, was sie wirklich ist: Eine Spezies von vielen auf einem kleinen Planeten, der uns als Heimat zugewiesen wurde. Mit dem Auftrag, ihn zu „bebauen und bewahren“, zum Wohle aller, die auf ihm leben. So steht es in der Geschichte von der Erschaffung der Welt. Echte Einheit gibt es nur dort, wo wir über unseren Tellerrand blicken und das Gesamte in den Blick nehmen, die ganze Menschheit, nicht nur die eigene Gruppe oder Nation.


Als an Pfingsten der Heilige Geist die Jüngerinnen und Jünger erfüllte, war etwas von dieser Art von Einheit spürbar: Sie verstanden einander. Der Heilige Geist war es, der aus den unterschiedlichsten Menschen die ersten christlichen Gemeinden formte, von denen Paulus sagen konnte: Hier gilt es nicht mehr, ob jemand Jude, Grieche, Mann oder Frau ist – alle sind EINS in Christus. Die Kirche sollte und soll ein Zeichen der Einheit und Versöhnung für die ganze Welt sein. Dass man sich dabei verständigen kann, mit einer Sprache spricht, am selben Strang zieht ist keine eigene Leistung. Es ist ein Geschenk des heiligen Geistes, dort, wo wir ihn in unseren Gemeinden aufrichtig darum bitten.
Auch in der Kirchengeschichte gibt es genug Beispiele dafür, wie Christen sich selbst einen Namen machen wollten, meinten, sie könnten Gott vor ihren eigenen Karren spannen – und da war es auch innerhalb der Kirchen schnell wieder vorbei mit der Einigkeit und der gemeinsamen Sprache. Menschen können gemeinsam große Dinge schaffen – aber wenn die Einheit dabei nicht von Gott kommt, dann ist sie meist nicht von Dauer.


Ich persönlich finde es tröstlich, dass alles, was Menschen aus Egoismus oder zum eigenen Ruhme tun, irgendwann in sich zusammenfällt. Dass jeder technische oder sonstige Fortschritt auch irgendwann an seine Grenzen stößt und viele sich jetzt wieder darauf besinnen, wozu wir eigentlich hier sind: Menschlich miteinander leben, die Schöpfung bewahren, Leben schützen. Ich persönlich glaube, dass der Heilige Geist überall dort am Werk ist, wo Menschen sich ehrlich und nicht zum eigenen Ruhm für andere oder für diesen Planeten einsetzen. Der Heilige Geist ist nicht auf die Mauern der Kirche begrenzt. Sondern er weht wo er will, bei allen Menschen guten Willens.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbitten

Gott, sende uns deinen Geist. Heile die Wunden, die wir einander schlagen. Heile die Verletzungen dieses Planeten. Erneuere uns und bewege uns, Gutes zu tun und dem Frieden zu dienen. Wir rufen zu dir: Komm heiliger Geist.
Wir bitten um den Frieden, den die Welt sich nicht selbst geben kann, und den Jesus uns verheißen hat. Wir rufen zu dir: Komm heiliger Geist.
Wir bitten für die Völker dieser einen Erde. Schenke deiner Menschheit Versöhnung und Frieden. Wir rufen zu dir: Komm heiliger Geist.
Wir bitten für deine eine Kirche. Überwinde ihre Zersplitterung, schenke uns, dass wir dich mit einer Stimme loben, damit die Welt dich erkennt. Wir rufen zu dir: Komm heiliger Geist.
Wir bitten für unsere Welt, den Planeten, der uns anvertraut ist und der leidet, weil es uns so schwer fällt, Maß zu halten. Hilf uns, Gier und Streben nach Macht und Profit zu überwinden. Stärke alle, die sich um die Zukunft unsrer Erde sorgen und schenke Kreativität und Mut, die globalen Krisen zu überwinden. Wir rufen zu dir: Komm, heiliger Geist.

Berufen. Predigt zu 2.Timotheus 1,1-10

Predigt vom 27. September 2020

Liebe Gemeinde,
liebe Schwestern und Brüder!
Wir haben vorhin schon den Predigttext aus dem 2. Timotheusbrief gehört. Vielen war vielleicht der Vers vertraut: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Ein beliebter Vers, der auch gerne als Konfirmations- oder Taufspruch gewählt wird. Ich möchte den Abschnitt gern noch einmal lesen, und zwar in seinem Zusammenhang, also mit dem, was vor dem Text steht, den Beginn des 2. Timotheusbriefes:

Paulus, ein Apostel Jesu Christi…an meinen lieben Sohn Timotheus. Ich danke Gott….wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinen Gebeten Tag und Nacht. Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde. Denn ich erinnere mich an den ungefärbten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.

Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe unb der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.

Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Vielleicht hat der eine oder die andere von Ihnen beim Lesen eben still genickt. Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Wir gehören seit unserer Taufe zu Jesus Christus. Sind beschenkt mit seinem heiligen Geist.
Der Geist Gottes schenkt Kraft, Liebe und Besonnenheit. Er ist das Gegenteil dessen, was Paulus den Geist der Furcht nennt. Kraft, Liebe und Besonnenheit sind geradezu Heilmittel gegen die Angst und die Panikmache, die so viele in unserer Gesellschaft zurzeit umtreibt und in den Irrsinn treibt.

Ein Zuspruch sind diese Worte vor allem deshalb, weil dort steht: Gott hat uns seinen Geist schon gegeben. Nicht etwa: Strengt euch mal an, glaubt richtig und betet viel – dann gibt euch Gott vielleicht den Geist. Nein, Gott HAT ihn euch schon gegeben! Er wurde euch zugesprochen bei eurer Taufe, bei eurer Konfirmation, bei der Firmung, jedes Mal, wenn wir uns im Gottesdienst unter den Segen Gottes stellen. Habt Mut, daran zu glauben und euren Glauben mit eurem Leben zu bezeugen.

Denn, Zitat: Wir sind berufen mit einem heiligen Ruf. Jeder und jede einzelne, wir als Gemeinde, wir als Kirche, wir als Christen in der weltweiten Gemeinschaft der Konfessionen.

Wir sind berufen, auf IHN hinzuweisen, der „dem Tode die Macht genommen und das Leben…ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Darum schämt euch nicht, sagt Paulus. Es gibt keinen Anlass dafür, auch wenn viele den Glauben an Gott lächerlich machen, auch wenn Kirchen als Institutionen an Einfluss verlieren, auch wenn so vieles im Wandel ist in Kirche und Gesellschaft.

Seid Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums.

Wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir unseren Kindern vermitteln, dass sie vor aller Leistung geliebt sind, so wie auch Gott uns liebt, ohne dass wir es uns verdienen müssen.

Wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir in den Gesichtern jedes Geflüchteten das Antlitz Jesu erkennen, der anklopft und um Einlass bittet, verkleidet als einer seiner geringsten Schwestern und Brüder.

Wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir es am Bett eines Kranken aushalten, auch wenn wir nicht wissen, was wir sagen sollen und uns hilflos fühlen. Denn der Geist Gottes ist in den Schwachen mächtig.

Wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir uns, jeder mit seinen Mitteln, dafür einsetzen, dass dieser Planet ein bewohnbarer Ort für Mensch und Natur bleibt, auch über unseren Tod hinaus.

Und wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir in aller Trauer die Hoffnung nicht aufgeben, dass da jemand ist, der uns über den Tod hinaus trägt und liebt. Jesus, der dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat.

Ein Zeuge, eine Zeugin des Evangeliums muss nicht immer unerschütterlich glauben, muss nicht immer der sprichwörtliche Fels in der Brandung sein. Die Briefe des Paulus an Timotheus zeigen auch die andere Seite. Es handelt sich nämlich an Ermutigungsschreiben an einen offenbar frustrierten jungen Gemeindeleiter.
Paulus schreibt von den „Tränen“ des Timotheus. Im weiteren Kontext lesen wir von Anfeindungen, die Timotheus zu schaffen machen. Dass er nicht ernst genommen wurde, weil er so jung war. Und überhaupt war Christsein ja damals keine ungefährliche Angelegenheit. Die christlichen Gemeinden erlebten ja immer wieder Verleumdungen und Verfolgung vonseiten ihrer Umwelt.

Der Verfasser des Briefes zeigt sich hier als guter Mentor und Seelsorger. Er schreibt, wie gern er Timotheus in seinen Tränen trösten würde und dass er Tag und Nacht für ihn betet. Und, Anmerkung, Gemeindeleiter, Pfarrer, Pfarrerinnen brauchen das Gebet anderer Christen. Auch heute noch.

Dann erinnert er Timotheus an seine Herkunft und Biografie: Von klein auf ist er in den Christusglauben hineingewachsen, der zuvor schon in seiner Mutter Eunike und seiner Großmutter Lois lebendig war. Dann wurde Timotheus als relativ junger Mann Leiter einer christlichen Gemeinde. Unter feierlichem Gebet und unter Handauflegung wurde er in sein Amt eingeführt. Daran erinnert Paulus ihn nun.

Die Segensgeste der Handauflegung ist so alt wie die Kirche selbst. Noch heute werden Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch Kirchenvorstände, Lektorinnen und Lektoren, Prädikantinnen und Prädikanten auf diese Weise für ihren Dienst gesegnet. Immer, wenn jemand in unserer Kirche ein Amt übernimmt, geschieht es unter Handauflegung und Gebet. Ähnlich ist es, wenn junge Christen bei der Konfirmation Ja zu ihrem Glauben sagen. Mit der Einführung in ein kirchliches Amt unter Handauflegung und Gebet stellen wir uns in den breiten Strom der kirchlichen Tradition. Darin liegt eine Kraft, die sich rein logisch nicht erklären lässt. Aber erinnern Sie sich mal an solche Momente. Nicht jeder hier ist ordinierter Pfarrer oder Pfarrerin, aber die meisten sind konfirmiert. Oder gefirmt. Unter Handauflegung gesegnet zu werden ist eine sehr eindrückliche Erfahrung. Da wird mir das Wort Gottes auf den Kopf zugesagt, ich weiß, dass ich gemeint bin und das ist eine tiefe Bestärkung für den eigenen inneren Weg. Durch diese Geste wirkt der Heilige Geist. Dessen bin ich mir sicher.

„Aus diesem Grund“, schreibt Paulus, „erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Ich erinnere mich noch genau an meine eigene Ordination vor nun 16 Jahren. Auch ich wurde unter Handauflegung und Gebet der Gemeinde zum Dienst als Pfarrerin berufen.

Aber offenbar ging es mir ähnlich wie Timotheus. Die Gabe Gottes, die in Timotheus wohnt und die er einst wohl deutlich gespürt hat, ist in ihm „eingeschlafen“.

Ich glaube, dass das kein Einzelfall, dass einen manchmal die Begeisterung verlässt. Ich kenne viele Pfarrerinnen und Pfarrer, die ausbrannt sind. Ehrenamtliche, die sich fragen, warum es denn eigentlich immer dieselben sein müssen, die alles machen und die Gemeinde am Laufen halten. Frustration über Kirchenaustritte, Enttäuschung über Menschen oder Institutionen, die Frage, ob das denn eigentlich alles noch einen Sinn hat, was wir da machen in der Kirche.

Bei mir war es wie eine dunkle Wolke aus Trauer und Müdigkeit, die das Feuer der Begeisterung nach und nach erstickt hat. Ich habe keine Minute daran gezweifelt, dass es Gott gibt und dass er gut ist. Aber der Kontakt war wie unterbrochen, der Draht nach oben wie gekappt. Das war die Zeit, als ich meinen Dienst als Pfarrerin quittiert habe.

Trotz allem waren es wichtige fünf Jahre seit dem. Ich habe Gott neu kennengelernt. Als Gott des Lebens, der mich durch eine schwere Krankheit hindurchgetragen hat. Der mir in dieser Zeit, als ich nicht Pfarrerin war, meinen Mann und unseren Sohn geschenkt hat. Ich habe echte Wunder erlebt. Vor allem, dass ich am Leben bin und dass unser Sohn gesund ist, ist ein Wunder. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe Gott gefragt, was er jetzt eigentlich von mir will. Und irgendwann war die Antwort klar. Du weißt es selber. Tu das, wozu du berufen bist. Sei wieder Pfarrerin. Predige das Evangelium.

Und nun stehe ich heute hier und halte meine erste Predigt seit über fünf Jahren.

Ich bin dankbar, dass ich heute neu für meinen Dienst als Pfarrerin gesegnet wurde und dass auch wir als Familie uns bewusst unter den Segen Gottes stellen durften.

Ich habe ja auch einige Jahre freiberuflich als freie Theologin gearbeiten. Ich habe Trauerfeiern gehalten für Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren und Trauungen für Paare, die aus irgendeinem Grund nicht kirchlich heiraten wollten, sie aber irgendeine Art von Zeremonie gewünscht haben. Ich glaube, ich habe das auch ganz gut gemacht. Ich habe aber gemerkt, dass ich mich dabei wie innerlich abgetrennt fühle von dem Strom der kirchlichen Tradition. Es ist ein Unterschied, ob man aus sich heraus eine gute Trauerrede hält. Oder ob man dazu beauftragt, berufen, gesegnet und gesendet ist. Heute stelle ich mich sozusagen wieder hinein in den Strom der kirchlichen Tradition und in die Gemeinschaft der Ordinierten.

Ich bin meiner Landeskirche sehr dankbar für diese zweite Chance und danke Gott, dass er mich zurückgeholt hat in seinen Dienst.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Es gibt Worte, die kann man sich nicht selber sagen. Man muss sie sich immer wieder sagen lassen und in sie hineinwachsen.

Amen.

Bible Journaling

Seit kurzem habe ich Bible Journaling für mich entdeckt: Die Bibel auf kreative Art lesen. Den Bibeltext gestalten. Wer sich im Netz umsieht, findet inzwischen etliche Seiten, die sich mit Bible Journaling beschäftigen. Zum Beispiel http://www.bibelkreativ.de.

Witzig finde ich auch die Videos von Cat Woods auf Youtube. Die Amerikanerin tobt sich in ihren Bibeln (auch keine Journaling-Bibeln, sondern ganz normale) dermaßen aus, dass ich nur mit offenem Mund davorsitze und denke: „DAS alles kann man mit einer Bibel machen?!?“ Und, Bemerkung am Rande, wenn ich gefühlt 38 Bibeln besitze – diese Frau toppt mich vermutlich um ein paar hundert Exemplare.

Im Grunde geht es darum, die Bibel zu einer Art geistlichem Tagebuch zu machen. Randbemerkungen schreiben. Einzelne Worte oder Verse kreativ im Buch selbst umsetzen. Es gibt spezielle Bibeln, die einen breiten Rand haben und die extra dafür gedruckt wurden. Ich nehme einfach eine meiner ohnehin vorhandenen gefühlt 38 Bibeln – und irgendwie finde ich, dass es auch einen ganz eigenen Charme hat, für das Journaling eine gewöhnliche Bibel zu nutzen.

Das sieht dann z.B. so aus:

Bible Journaling zu 2. Timotheus 1,7-10
Bible Journaling zu Sprüche 8

Ich lese die Texte, die mein momentanes „Andachtsbuch“ – das Heft von „Our daily Bread“ – für den Tag vorschlägt. Ich werde still und bete. Wenn mich ein Wort oder Vers so richtig packt, dann werde ich kreativ: Ich hebe ihn farblich hervor. Ich schreibe eigene Gedanken oder kurze Gebete an den Seitenrand. Manchmal zeichne ich etwas dazu. Oder klebe etwas in die Bibel, etwa kurze Texte, Fotos, Ausrisse aus Zeitschriften etc. Man kann dazu im Netz inzwischen tolle und ausgeklügelte Anleitungen finden und jede Menge Material bestellen. Ich benutze einfach, was ich sowieso habe und halte die Augen offen, wo mir etwas Interessantes begegnet, was ich dann integrieren kann. Zuletzt schreibe ich das Datum an den Seitenrand.

Halleluja….

Für mich ist das eine tolle Art, gleichzeitig die Bibel zu lesen, zu beten und ein geistliches Tagebuch zu führen. Ich glaube, ich werde dabei bleiben – und vielleicht dazu übergehen, jedes Jahr eine neue Bibel dafür zu verwenden.

Das, was ich da mache, ist meine persönliche Andacht und mein subjektiver kreativer Zugang zu Heiligen Schrift.

Wichtig ist mir dabei, dass meine Journaling-Bibel nur eine von mehreren ist. Deshalb kann es auch mal vorkommen, dass ein Teil der Seite unleserlich wird, wenn ich z.B. etwas hineinklebe, was sich auf einen anderen Teil der Seite bezieht. Ich finde das deshalb legitim, weil ich ja jederzeit in einer anderen Bibel nachlesen kann, was da steht. Wenn ich z.B. Bibelauslegungen fürs Wochenblatt oder bald wieder Predigten vorbereite, verwende ich dafür sowieso eine andere Bibel.

Hinweisen möchte ich noch auf http://www.unsertaeglichbrot.org. Ich verwende das dreimonatlich erscheinende Andachtsheft seit kurzem anstelle der „Losungen“. Für jeden Tag werden zwei Bibeltexte zur Lektüre vorgeschlagen, zu einem der beiden ist jeweils noch eine ganz kurze Andacht mit abgedruckt, die ich meistens wirklich inspirierend finde.

Man kann das Heft gratis gegen Spende abonnieren oder sich die Texte täglich per Mail zusenden lassen. In der Mail-Version bekommt man sogar noch jeden Tag eine Audio-Datei mit dem Text der Andacht.

Im Vordergrund: Das aufgeschlagene Heft von Unser täglich Brot.

Wieder Pfarrerin

Das Warten hat ein Ende! Fünf Jahre nach meinem Ausscheiden aus dem Pfarrdienst und nach vielen schlaflosen Nächten, Hin und Her und langem Warten auf Entscheidungen an „höherer“ (wenn auch nicht höchster) Stelle bin ich wieder Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern.

Ich bekomme jetzt erst einmal einen ehrenamtlichen Dienstauftrag im Dekanat Coburg. Dann mal sehen, wie es weitergeht.

Nach allem, was in diesen Jahren war, werde ich vermutlich anders Pfarrerin sein als vorher. Zugleich im Glauben überzeugter und in meinen Erwartungen an die Institution Kirche realistischer.

Ob es wohl irgendjemanden interessieren wird, welche Erfahrungen ich aus der Freiberuflichkeit mitbringe? Schön wäre es. Auch mein neues Familienleben hat mich stark verändert. Die Krankheit sowieso. Meine Prioritäten sind andere geworden.

Am 27. September ist mein Einführungsgottesdienst. Zum ersten Mal seit Weihnachten 2014 werde ich wieder im Talar auf einer Kanzel stehen. Darauf freue ich mich – und habe zugleich etwas Muffensausen. Ist ja irgendwie auch ein Start von Null auf Hundert. Wie wird es werden, mein neues Ich als Predigerin? Und wird Korbinian unter meinen Talar schlüpfen und „Höhle“ spielen wollen, so wie vor ein paar Tagen, als ich den Talar erstmals seit Weihnachten 2014 wieder angezogen habe?

Es ist ganz gut, dass ich mich jetzt erst mal ehrenamtlich neu finden kann in diesem Amt. Wenn alles gut geht, kann ich mich später immer noch auf eine Stelle bewerben.

Nun hoffe und bete ich, dass Covid uns nicht wieder die Lichter ausbläst und der Gottesdienst zu meiner Einführung überhaupt stattfinden kann.

Allen, die hier immer wieder mitlesen, mitfiebern und mitbeten danke ich sehr. Es wird gut werden.

Gottesgegenwart

Ich gehe spazieren, eine der seltenen „freien“ Stunden, ohne Mann und Kind. Ich brauche diese Stunden. Sie geben mir, der Introvertierten, Kraft, um den Alltag zu meistern. Stille. Ruhe. Zeit, den Gedanken nachzuhängen. Zu beten. Zu meditieren.

Ich gehe also spazieren. Im Hofgarten. In Coburg. Der Hofgarten mit seinen uralten Bäumen, durch deren Laub sich das Licht in allen Grüntönen bricht. Grünes Licht. Schatten. Hin und wieder blitzt der strahlend blaue Himmel durchs Blätterdach.

Ich bleibe stehen. Blicke um mich. Und da ist es wieder. Nur wenige Sekunden lang. Alles wird wie durchsichtig, durchscheinend. Die Bäume, das Licht, der Weg, der Himmel über mir, die fernen Rufe von Kindern auf dem Spielplatz.

Alles wird wie durchsichtig und darin und dahinter und alles durchdringend ist die Gegenwart Gottes da. Der Kosmische Christus. Die Ewigkeit.

Nicht irgendwann irgendwo in ferner Zukunft, sondern hier. Ich schaue mich um. Nichts ist ohne diese Gegenwart.

„Von der Tiefe bis hoch zu den Sternen durchflutet die Liebe das All“, so hat es Hildegard von Bingen einmal ausgedrückt.

Gott ist Alles in Allem und Alles und jeder und das All ist in IHM. Der kosmische Christus. Alles ist gegenwärtig. Gott ist gegenwärtig. Es gibt nichts Getrenntes, es gibt nur das EINE, den EINEN. Alles spiegelt ihn und alles ist durchdrungen von IHM und ich bin mir nicht sicher, ob ER nicht einfach ALLES ist. Die Schöpfung nur Materie gewordener Gott. Inkarnation Gottes in allem, was ist, und neben und in und hinter all dieser Materie doch immer nur ER.

Wozu dann noch eine Erlösung nötig ist? Weil „wir“ es vergessen, dass wir „seines Geschlechts sind“, obwohl wir „in IHM leben und weben und sind“ (Apostelgeschichte 17,27-28). Weil „wir“ leben, als existierten wir aus uns selbst heraus, weil wir meinen, wir müssten Götter sein – statt einfach in GOTT zu sein, uns dem Strom SEINES Lebens und SEINER Liebe zu überlassen. Dieses Getrenntsein von Gott ist es, wovon wir erlöst werden müssen. Der Dualismus, der meint, er könne die Welt in Schwarz und Weiß, in „wir“ und „die anderen“ aufteilen.

„Wir“ sind vom Weinstock abgefallene Reben. Christus verbindet uns wieder mit dem Weinstock.

„Wir“ schaffen uns unsere Dunkelheit selbst und begehen schreckliche Taten, weil wir uns vom Ursprung entfremdet haben. In der ganzen Schöpfung gibt es kein Lebewesen, dass sich derart von Gott entfremdet hat, wie der Mensch. Das ist wohl der Preis der Freiheit.

Christus ist das Licht. Er ruft uns zurück. Indem er sich in dieses Getrenntsein von Gott selbst hinein begibt und die Brücke schlägt, auf der wir heimkehren können. In allem ist er gegenwärtig. „Dreht einen Stein um, und ich bin da. Spaltet das Holz, und ihr werdet mich finden“, sagt der Christus des Thomasevangeliums. Der ganze Kosmos ist durchströmt von seiner Gegenwart und er zieht uns zurück zum Ursprung, jenseits und vor aller Spaltung.

Der Hofgarten ist Eden. Die nicht aufgeräumte Küche, in der ich das schreibe, ist Gottesgegenwart. Christus in mir, in allen, überall und in allem.

ER ist der Friede, und Friede auf Erden wäre es dann, wenn „wir“ uns nicht mehr als Getrennte, sondern als mit Gott Verbundene begreifen könnten. Alle.

Damit das geschehen kann, braucht es aber auch ganz konkret den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden auf diesem Planeten. Wer befürchtet, heute oder morgen zu verhungern oder seine Kinder in sinnlosen Kämpfen zu verlieren, wird sich schwertun, sich als von Gott geliebten und mit ihm verbundenen Menschen zu verstehen. Wer ums Überleben kämpft, der kann sich innerlich nicht öffnen für eine Wahrheit hinter der Wahrheit oder eine Gottesgegenwart in seinem Elend.

Kontemplation und Kampf für eine bessere Welt. Gerade weil ich solche Momente erlebe, in denen Gott ALLES in Allem ist, will ich mich dafür einsetzen, dass kein Mensch mehr sich als ungewollt oder ungeliebt fühlen muss.

Solche Erfahrungen sind Ansporn, nicht Ruhekissen. Und ich glaube, jetzt räume ich die Küche auf.

Biblische Theologie für Gemeindechristen

So wichtig es ist, dass Christ*innen im Umgang mit der Bibel mündig werden, so schwierig kann allerdings auch die Umsetzung dieses Anliegens werden. Ich habe die Menschen immer gern ermutigt, selber nachzulesen, was denn eigentlich in der Bibel steht. Die meisten evangelischen Christen hatten doch einen Konfirmandenunterricht, in dem auch der Umgang mit der Bibel Thema gewesen sein sollte. Einfach selber lesen, vorher beten, dass Gott einem das Wichtige an einem Abschnitt zeigt, und dann müsste es doch klappen, oder?

Um ehrlich zu sein, hatte ich in meiner Zeit wenig Erfolg darin, Menschen für das Lesen der Bibel wirklich zu begeistern – die Hürden scheinen einfach zu hoch zu sein.

Wenn ich mich an meine eigenen Anfänge als Christin erinnere, ging es mir ja sehr ähnlich. Ich war hoch motiviert, dieses Buch zu lesen – scheiterte aber schon beim ersten Aufschlagen des Neuen Testamentes. Ich landete ausgerechnet im Hebräerbrief und da stach mir folgender Vers ins Auge: „Ohne Glauben ist es nicht möglich, Gott zu gefallen. Denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen die ihn suchen ihren Lohn gibt.“ (Hebräer 11,6)

Was für ein bescheuerter Satz, dachte ich. Erstens wusste ich da noch gar nicht, ob ich eigentlich „glaube“- und dachte, das Wort bedeute wohl, Dinge für wahr halten, die nicht erwiesen sind. Gefalle ich Gott nicht, nur weil ich nicht glauben kann, was in der Bibel so alles steht, die Erschaffung der Welt in sechs Tagen zum Beispiel? Was ist das für ein engstirniger Gott?

Ich hatte auf der einen Seite diese wunderbar tiefen mystischen Erfahrungen mit Gott. Und auch das Johannesevangelium hatte mir direkt in die Seele gesprochen. Aber der Rest der Bibel?

Dann begegneten mir Christ*innen, die die Bibel komplett wörtlich zu nehmen schienen. Da stand irgendwo im Alten Testament, dass Homosexualität Sünde sei und dass die Welt innerhalb einer Woche entstanden ist. Und so war es. Punkt.

Erst nach und nach habe ich, vor allem durch meine Begegnungen im Umkreis der Thomasmesse gemerkt, dass man wohl die Bibel lesen und trotzdem ein toleranter Mensch sein kann. Dass man durchaus kritisch mit Manchem umgehen kann, was in der Bibel steht, und trotzdem Jesus lieben. Da wurde mir klar, dass wohl jeder seinen eigenen Zugang zu diesem seltsamen Buch finden muss. Auch wenn ich meinen noch nicht gefunden hatte.

Leider hätte ich ihn ohne Theologiestudium auch nicht gefunden. Und genau das finde ich für eine evangelische, stark am Wort Gottes orientierte Kirche tragisch. Man kann nicht einfach voraussetzen, dass evangelische Christen mit der Konfirmation in Glaubensfragen „mündig“ geworden sind. Es braucht für die, die das wollen, ein fundiertes Angebot zum Erlernen eines mündigen Umgangs mit der Bibel. Ansonsten ist das Resultat der angeblichen Mündigkeit entweder Fundamentalismus oder Gleichgültigkeit.

Im Studium lernte ich, wie alle Theolog*innen, die historisch-kritische Methode kennen, eine wissenschaftliche Herangehensweise an biblische Texte, die versucht, das was da steht, erst einmal historisch einzuordnen und zu hinterfragen. Ich lernte das absolute Gegenteil dessen, die Bibel fromm und naiv wörtlich als Offenbarung Gottes nehmen zu wollen.

Obwohl ich in historisch-kritischer Exegese ziemlich gut war und mich diese Herangehensweise auch bis heute sehr interessiert, wurde mir klar, dass das ja wohl auch nicht alles sein kann. Ich persönlich fand das alles zwar sehr spannend, aber manch frommer Mitstudent geriet in arge Anfechtungen, als er im Studium erfahren musste, dass die Evangelien keinen Augenzeugenberichte und etliche Paulusbriefe nicht von Paulus sind. Oder dass es im 1. Buch Mose mindestens drei sich zum Teil widersprechende Berichte von der Erschaffung der Welt gibt, die ein oder mehrere Redaktoren mehr oder minder kunstfertig zu einem Gesamtopus verarbeitet haben. Dass Jericho zur Zeit der Landnahme schon zerstört war. Dass der Monotheismus Israels ein relativ spätes Konstrukt ist. Und vieles mehr.

Es ist doch eine Crux: Die Frommen lieben Jesus und halten die Bibel für das inspirierte Wort Gottes. Das macht sie zugleich wunderbar begeistert und inspiriert von der Sache Jesu – und intolerant gegenüber Andersgläubigen. In solchen Kreisen liegen Begeisterung und Gesetzlichkeit eng beieinander und über allem schwebt mehr oder weniger latent die Angst, es Gott vielleicht doch nicht rechtzumachen.

Wer, andererseits, wissenschaftlich an die Bibel herangeht, der hat zwar gelernt, einen Bibeltext in seine redaktionellen Einzelteile zu zerpflücken – aber von der Bibel als Glaubensbuch bleibt wenig übrig und von einer echten Begeisterung für Gott oder Jesus auch nicht. Wie auch, wenn alles, was man über den historischen Jesus wirklich wissen kann auf eine Postkarte passt?

Also, als was lese ich die Bibel nun? Als literarisches Werk, das in sich nicht homogen und aus vielen unterschiedlichen Schichten zusammengesetzt ist? Als verbalinspiriertes Wort Gottes? Wie geht das dann wiederum damit zusammen, dass es die Bibel in ihrem heutigen Umfang sowieso erst seit etwa 400 n.Chr. gibt? Was in den Evangelien ist echt, also „echt Jesus“ – was ist späterer Zusatz? Was davon kann und will ich glauben? Und was nicht?

Als Christin kann und will ich die ganze Bibel nicht anders lesen, als von Jesus her. Dass er gelebt hat, ist historisch unbestritten. Dass er umherzog, um das Reich Gottes zu verkündigen, gehört ebenfalls unumstößlich zum Kern aller Evangelien und lässt sich auch nicht wegdeuten, auch wenn man über die Echtheit mancher „Logien“ (Jesusworte) streitet. Ebenso unbestritten ist, dass er nach menschlichen Kriterien mit seiner Botschaft gescheitert ist und unter Pontius gekreuzigt wurde. Was die Auferstehung betrifft: Auch diese belegen alle neutestamentlichen Schriften. Die Auferstehung Jesu gehört unumstritten zum absoluten inneren Kern des christlichen Glaubens – auch wenn die einzelnen Darstellungen dieses Ereignisses voneinander abweichen. Dazu muss man wissen, dass die Evangelien ja allesamt keine Augenzeugenberichte sind, allenfalls kannten die Evangelisten mündliche Überlieferungen, die auf solche zurückgingen. Bei der Auferstehung selbst war keiner dabei. Dennoch kann man das gesamte Neue Testament sinnvoll nur von hier aus deuten. Es ist überhaupt nur geschrieben worden im Rückblick, von der Auferstehung Jesu her. Weil er der auferstandene Herr ist, deshalb hielt man sein Leben und Wirken für so wichtig, dass man es aufgeschrieben hat.

Menschen haben erlebt, dass mit Jesus die Macht des Todes und die Angst vor dem Tod überwunden sind. Dass sie mutig und frei geworden sind, weil der Auferstandene ihnen begegnet ist.

Im Unterschied etwas zum Islam ist das Christentum eben keine Buchreligion. Es lebt vielmehr aus dem Glauben an den Auferstandenen, Jesus Christus. Von ihm geben die Schriften des Neuen Testamentes Zeugnis. Die Schriften des Alten Testaments sind Zeugisse der reichhaltigen Glaubenserfahrungen des Judentums, ohne die Jesus nicht zu verstehen wäre.

Christen glauben nicht an ein Buch, sondern an eine Person. Es geht um Beziehung zu dieser Person, nicht um die Richtigkeit einzelner Aussagen einer Heiligen Schrift. Von dieser Beziehung her sind die Schriften der Bibel in ihrem Gesamtkontext zu deuten. Deshalb kann die historisch-kritische Exegese dem Glauben im Grunde nichts anhaben. Es sei denn man nimmt die Bibel wörtlich oder als ein in jedem Detail göttlich inspiriertes Buch.

Wenn ich dafür plädiere, dass Christen mündig werden müssen, die Bibel selbst lesen und verstehen lernen sollen, dann ist es meiner Meinung nach unumgänglich, diese Themen – was ist die Bibel (Zeugnis des Glaubens) und was ist sie nicht (womöglich wörtlich inspiriertes Wort Gottes – auch in der Gemeinde zu behandeln.

Ich könnte mir vorstellen, es wäre hilfreich, in Kirchengemeinden (oder auch gemeindeübergreifend) in regelmäßigen Abständen so etwas wie ein kleines theologisches Seminar abzuhalten. Zu wichtigen Glaubensthemen, z.B. zur Bibel. Inhalte könnten sein:

Teil 1: Konfirmandenwissen reloaded – Aufbau der Bibel, praktischer Umgang damit, wo finde ich was, etc.

Teil 2: Ein ultrakurzer Abriss der historisch-kritischen Methode, z.B. anhand eines Jesus-Gleichnisses.

Teil 3: Der Kanon der Bibel. Wann wurden die einzelnen Schriften zum verbindlichen Glaubensbuch „Bibel“ zusammengefasst, und warum diese und keine anderen?

Teil 4: Wörtlicher Umgang mit der Bibel vs. Auslegung vom Christusgeschehen her.

So sehr mir an der Mündigkeit der Gemeinde liegt – ich glaube, anleiern müssen solche Prozesse dann doch die, die sich seit Jahren damit beschäftigen, also Theolog*innen und Pfarrer*innen.

In gewisser Weise ist biblische Theologie ja auch eine Art Herrschaftswissen – mündiges Christentum setzt voraus, dass alle Christen und Christinnen Zugang zu theologischem Wissen haben, und zwar dort wo sie ihren Glauben leben, nämlich niederschwellig innerhalb ihrer Kirchengemeinden.

Die Bibel von den Kanzeln holen

Die Bibel ist die Ur-Kunde unseres christlichen Glaubens. Ohne Bibel kein Christentum. Die Bibel ist auch eins der meistverkauften Bücher weltweit. Das Dumme ist nur: Kaum jemand (außerhalb wirklich frommer Kreise) liest sie.

Die Bibel hat, leider Gottes, bei sehr vielen Zeitgenossen, ja sogar bei sehr vielen Kirchenmitgliedern ein schlechtes Image. Märchenbuch. Verstaubt. Wissenschaftlich total überholt. Langweilig. Fragen Sie mal Konfirmandinnen und Konfirmanden, wer von ihnen sich freiwillig die Lektüre der Bibel „antut“. Dieselben Jugendlichen lesen erstaunlicherweise umfangreiche Top-Seller wie „Die Tribute von Panem“ oder „Harry Potter“ (sofern sie überhaupt lesen).

Es wurde manches unternommen, um die Bibel attraktiver zu machen. Gefühlt jedes Jahr kommt eine neue, „frischere“, „zeitgemäßere“ Bibelübersetzung auf den Markt. Bibeln sind auch keine auf graues Papier eng gedruckten Bleiwüsten mehr. Es gibt edle Ausgaben. Kleine Ausgaben. Große Ausgaben. Ausgaben mit vielen bunten Erklärungsseiten („….für DICH!“). Es gibt Bibel-Apps. Bibel Comics. Witzige Zusammenfassungen für humorvolle Wenigleser. Und, und, und.

Leider interessiert das alles trotzdem kaum jemanden. Woran liegt das?

Meine Vermutung ist diese: Um Neugier an der Lektüre der Bibel, biblischen Themen, Predigten, Bibelauslegungen etc. zu wecken, muss jemand wirklich am eigenen Leib und im eigenen Herzen erlebt haben: Da ist etwas in diesem Buch, das mich bis ins Herz trifft! Ich werde neugierig, dieses Buch zu lesen, wenn es da diesen einen (oder mehrere) Ansatzpunkte gibt, wo in mir etwas zum Schwingen kommt. Wer das erlebt hat, der liest gerne und freiwillig darin. Wer das nicht kennt, für den bleibt die Bibel ein Buch mit sieben Siegeln. Egal wie zeitgemäß und bunt eine Ausgabe daherkommt. Egal, was der Pfarrer am Sonntag erzählt.

Diesen Moment des innerlich getroffen Seins kann niemand „machen“ – er geschieht. Er geschieht dort, wo ein Wort der Bibel, eine Geschichte, eine biblische Gestalt auf einmal unmittelbar in mein Leben hinein sprechen.

Und ich wage zu behaupten: Bei Menschen die nicht in hohem Maße kirchlich sozialisiert sind, geschehen solche Momente nicht während einer Predigt am Sonntagmorgen um 10 Uhr.

Wenn wir wollen, dass Menschen vom Wort der Bibel erreicht werden, brauchen wir Formen der Kommunikation hierfür neben dem Sonntagsgottesdienst und auch neben anderen klassischen kirchlichen Formaten wie Religions- und Konfirmandenunterricht.

Vor allem aber müssen wir, die wir dem christlichen Glauben verbunden sind und die es schmerzt, wenn so viele gehen, selbst wieder lernen, uns vom Wort der Bibel treffen zu lassen. Wo habe ich denn erlebt, dass da beim Lesen oder Hören etwas bei mir ins Schwingen kommt? Wo und wie habe ich erlebt, dass Gott durch das Wort der Bibel mein Herz berührt? Wo habe ich mich durch ein Wort der Bibel gestärkt gefühlt?

Aber auch: Wo liegen meine Zweifel an diesem Buch? Was kann oder will ich nicht glauben? Ich bin überzeugt, dass so eine Offenheit tut gut. Nichts finde ich im Bezug auf den Umgang mit der Bibel schlimmer, als wenn jemand sich auf die Kanzel stellt und anstößige Stellen im Predigttext umschifft, so als stünden sie gar nicht da.

Ich glaube, damit die Bibel wieder ein Lebensbuch und eine Kraftquelle für viele wird, braucht es vor allem Menschen, Christen, Kirchenmitglieder, die authentisch und möglichst ohne Phrasen darüber reden und die Botschaft mit Leben füllen.

Was wir garantiert NICHT brauchen, sind Belehrungen von Predigerinnen und Predigern. Nicht nur deshalb, weil die sowieso die allerwenigsten (noch-)Kirchenmitglieder hören. Sondern vor allem, weil gerade das viele Gepredige verhindert, dass „normale“, engagierte, aber auch zweifelnde, fragende…. Gemeindeglieder sich ihre eigenen Gedanken machen und einen eigenen Zugang zur Bibel finden.

„Das alles ist doch so komplziert, das verstehen wir ja eh nicht, aber schön, dass Sie es uns jeden Sonntag erklären, Herr Pfarrer, Frau Pfarrerin….“ – klingt zwar wie ein Kompliment. Ist aber das Gegenteil. Es heißt nämlich, mit anderen Worten, dass sich Gemeindeglieder fast nicht trauen, die Bibel ohne die „Hilfe“ eines Geistlichen lesen oder gar verstehen zu wollen. Gerade das, was für viele doch das „Herz“ des evangelischen Gottesdienstes darstellt, die Predigt einer studierten Person über einen komplexen Bibeltext, verhindert ein anderes Anliegen der reformatorischen Kirchen: Den mündigen Christen, der sich beim Lesen der Heiligen Schrift sein eigenes Urteil über Glaubensfragen bildet.

Wenn wir wollen, dass die Bibel zu Menschen spricht, dann müssen wir (Theologen) selber weniger sprechen.

So „einfach“ ist es. Und so schwierig.

Wir brauchen, so meine Überzeugung, völlig andere Formen von „Verkündigung“ – bewusst in Anführungszeichen, weil ich mir nicht ganz sicher bin, ob „Verkündigung“ hier eigentlich das passende Wort ist.

Beginnen wir bei unserer Gottesdienstpraxis.

Was hindert uns eigentlich daran, in regelmäßigen Abständen die Predigt durch Bibelteilen zu ersetzen? Wer meint, dass das nur in Kleingruppen möglich sei, der verkennt zum einen, dass die Menge der Gottesdienstteilnehmer mancherorts sowieso nur einer etwas größeren „Kleingruppe“ entspricht. Zum anderen könnte man ja einfach mehrere Gruppen bilden, jeweils koordiniert z.B. von einem Kirchenvorsteher oder einer Kirchenvorsteherin.

„Die Leute wollen das nicht!“, höre ich schon. Dem wird man wohl nachspüren müssen. Wollen die Leute es nicht, oder sind sie es nur nicht gewöhnt? Und wer sind die Leute? Vielleicht zieht diese Art der Verkündigung ja Menschen an, die sonst nie kommen?

Außerdem sage ich nicht, dass das in jedem Gottesdienst so sein muss. An Heiligabend um 17 Uhr zum Beispiel nicht.

Eine vielleicht niederschwelligere Möglichkeit wäre es, einmal im Monat eine Predigt im Team vorzubereiten. Dann würde das Team sozusagen als Vorbereitung auf den Gottesdienst Bibelteilen zum Predigttext machen und in der Predigt würden die Gedanken der Teammitglieder aufgegriffen.

Bleiben wir noch etwas beim Thema Predigt.

Seit ich nicht mehr predige, höre ich bewusster zu, was andere sagen. Was mir auffällt ist, dass ich von Kanzeln im Grunde nur wenige Auslegungsansätze für Bibeltexte höre. Meistens überwiegt das historisch-kritische Element (klar, das haben wir Theologen halt gelernt). Oft mit bemühten Bezügen hin zum Heute, gepaart mit flehentlichen Apellen an die Gemeindeglieder, sich doch hier oder dort stärker einzubringen.

Abgesehen davon, dass solche Appelle sowieso immer die Falschen hören, nämlich die treusten aller Kirchenmitglieder, die anderen sitzen beim Brunch, sind sie auch nicht besonders originell. Sie führen nicht dazu, dass jemand merkt, wie lebendig, kräftig und wunderbar die biblische Botschaft ist. Wie ermutigend, stärkend, tröstend und zugleich klar.

Dazu wären andere Ansätze ungleich besser geeignet. Zum Beispiel die tiefenpsychologische Herangehensweise an eine biblische Geschichte. Die verhindert zugleich, dass jemand sich gezwungen fühlt, als Mensch des 21. Jahrhunderts Dinge wörtlich nehmen zu müssen. Jesus wandelte auf dem See und zog den sinkenden Petrus aus dem Wasser. Was für ein Potential, wenn man an diese Bilder tiefenpsychologisch herangeht. Und wie absurd, wenn sie einfach wörtlich im Raum stehen bleiben. Und wie unfruchtbar, wenn man sie historisch-kristisch zerpflückt.

Da ich Theologin bin, habe ich mich jetzt, obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte, wieder lang und breit zum Thema Predigt ausgelassen.

Ich glaube, dass es ungleich geeignetere Wege gibt, Menschen die Bibel als Kraftquelle zugänglich zu machen. Wie wäre es zum Beispiel, das Wort Gottes im wahrsten Sinne des Wortes auszusäen? Ich habe immer ein paar Kärtchen mit Bibelsprüchen der Kommunität Christusbruderschaft in der Handtasche. Die kann ich als Ermutigung z.B. direkt an andere weitergeben, oder viel lieber noch zufällig irgendwo liegenlassen. Im Vertrauen darauf, dass das Wort den oder diejenige findet, für den/die es bestimmt ist.

Zur Osterzeit 2020, als ein Kirchbesuch nicht möglich war, schrieben vielerorts Christen und Christinnen mit Kreide auf den Gehweg: Der Herr ist auferstanden! Warum nicht auch ohne Corona dasselbe mit Bibelversen? Taufeltern schreiben die Taufsprüche ihrer Kinder auf den Gehweg vor ihrem Haus (Straßenkreide als Gemeindegeschenk an die Familie), Traupaare ihren Trauspruch, mit Konfirmanden kann man dasselbe als Gruppenaktion machen. Oder man kann einfach selber losziehen und Verse dort hinterlassen, wo niemand es vermuten würde. Und wenn es die Klowand im Wirtshaus ist (wobei ich hier wegen der Sachbeschädigung eher ein Kärtchen hinterlassen würde.)

Man kann die Losungen twittern. Oder die Weihnachtsgeschichte. Oder die ganze Bibel mit einem Tweet pro Kapitel. (Gab es auch schon mal, kann man aber immer wieder. Als Gemeindeaktion, als Gruppe, als Einzelne.)

Man kann, wenn man mutig ist, auch einen passenden Bibelvers in eine Geburtstagskarte schreiben – als normaler Christ, nicht als Amtsträger der Kirche.

Kurz, um die Bibel von ihrem angestaubten Image zu befreien, braucht es Menschen, die sie authentisch ins Gespräch bringen.

Die Bibel ist kein Buch für Gelehrte. Sie ist ein Buch voller Erfahrung mit Gott. Wir müssen uns trauen, sie wieder unmittelbar zu uns sprechen zu lassen und Menschen ermutigen, ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Buch zu machen. Dazu muss sie von den Kanzeln herunter in die Lebenswelt geholt werden.

Wer allerdings wirklich mit dem Thema „Bibel“ abgeschlossen hat, der wird sich auch durch noch so authentische und innovative Herangehensweisen nicht für dieses Buch begeistern lassen.