Hyperfokus und ich

Über 50 Jahre musste ich alt werden, bis ich kapierte, dass ich wahrscheinlich das bin, was seit Neuestem (gefühlt seit vorgestern) „neurodivergent“ heißt. Eine Diagnose habe ich nicht. Brauche ich die? Ich glaube, ich verstehe langsam auch so, wie ich ticke.

Da ist zum Beispiel mein guter alter Freund Hyperfokus. Wir kennen uns schon ganz lang, aber seinen Namen hat er mir erst vor Kurzem verraten. Hyperfokus will was erleben. Vor allem will im Flow sein. Stets und immer. Wenn er nicht volle Power geben kann, ist ihm langweilig, und weil man guten Freunden nicht nur ein Küsschen gibt, sondern auch viel Aufmerksamkeit, bekommt er meistens, was er will.

Zum Beispiel wollte er vor ein paar Jahren Steine anmalen und in der Gegend verteilen. Warum nicht, sagte ich, das klingt lustig. Also haben wir für einen Haufen Geld Acrylfarben gekauft und Steine gesucht und gemalt. Nicht einen oder zwei, sondern gefühlt fünf Millionen, nicht etwa eine halbe Stunde am Tag, sondern halbe Nächte durch. Hat Spaß gemacht. Ich habe kaum noch was anderes getan.

Bis Hyperfokus langweilig wurde, dann wollte er lieber Geschichten schreiben. Das tut er gern. Er ist, wie gesagt, kreativ und hat immer viele tolle Ideen. Also setzten wir uns hin und schrieben eine Geschichte. Das reichte ihm aber nicht, es sollte ein Roman werden. Also klopften wir etwa 50000 Wörter in die Tastatur und gaben viel Geld für Schreibuntensilien aus. Laut Ernest Hemminway ist der erste Entwurf von allem Scheiße. Das trifft auch auf die Story zu, die wir, wiederum in langen nächtlichen Sitzungen, zusammengeschustert haben, weil tagsüber einfach keine Zeit ist. „Ich bin müde, Hypi“, sagte ich, „lass uns schlafen gehen!“ – „Komm, ne Stunde packen wir schon noch!“ Dann war die Story fertig, und sie war nicht besonders toll. „Super, Hypi“, sagte ich, „die müssen wir noch drei, vier mal überarbeiten, dann könnte die wirklich gut werden.“

Hypi wollte dann aber lieber Qi Gong machen.

Hypi ist ein guter Freund. Er macht es, dass ich über kurze Etappen Hochleistung bringen kann. Da er das alle paar Wochen macht und ich ihn inzwischen soweit habe, sich manchmal auch auf ganz banale, aber wichtige Tätigkeiten einzulassen, verleiht mir das einen Anschein von Fleiß und Disziplin. Meine Motivation fährt dank Hypi Achterbahn. Manchmal schaffe ich in drei Tagen, wofür andere drei Wochen brauchen. Und manchmal brauche ich drei Wochen, wofür andere drei Minuten brauchen. Kommt ganz drauf an, was ihm Spaß macht oder ob ich ihn soweit kriege, auch öden Aufgaben etwas abzugewinnen.

Momentan meint Hypi wieder, ich soll was Kreatives schreiben. Aber ich kenne ihn inzwischen. „Nein, Hypi. Wir schreiben diesmal keinen Roman. Wir schreiben nette kurze Sachen. Sachen, die man auch mal drei Wochen liegenlassen kann, ohne den Faden zu verlieren.“

Hypi ist soweit einverstanden und dankt für die Aufmerksamkeit.

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