Ein Geigertraum und seine Deutung

Heute Nacht träumte ich. Was eigentlich nichts Besonderes, denn ich träume viel, die Tür zu meinem Unterbewusstsein ist meist nur angelehnt und nicht verschlossen und ich finde das gut, denn meine Träume und auch inneren Bilder, die so kommen, sind für mich immer eine Quelle der Inspiration und Kreativität.

Heute Nacht träumte ich folgendes: Ich will meine Geige stimmen. G, D und E Saite sind kein Problem. Aber der Wirbel der A-Saite rutscht. (Wirbel nennt man die Dinger, an denen Spieler von Streichinstrumenten drehen, wenn sie ihr Instrument stimmen. Außer bei Bratschern, die stimmen ihr Instrument nicht, weil die Bratsche bekanntlich werkseitig gestimmt wird. Das Nachstimmen übernimmt einmal jährlich der Geigenbauer….NEIN, AUS!!! Bratscherwitz Ende.)

Ich will also stimmen. Drei Saiten halten problemlos, aber ausgerechnet die A-Saite nicht. Der Wirbel flutscht immer wieder weg, die Saite hängt schlaff durch. Ich probiere es mit Tafelkreide. Wirbel damit einreiben. Normal hält er dann besser. Im Traum nicht. Ich entsinne mich, dass ich noch echte Wirbelkreide im Geigenkasten habe, die hilft eigentlich immer bei dem Problem. Ich reibe den Wirbel damit ein. Statt der krümeligen braunen Masse ist es aber auf einmal irgendeine weiße Schmiere und der Wirbel glitscht erst recht weg. Irritiert wache ich auf. Und weiß, dass mir mein Unterbewusstsein etwas sagen will.

Lange habe ich über die Botschaft dieses Traums meditiert. Ich glaube, ich habe eine für mich stimmige Deutung. Vom Geigen träume ich sehr oft, das ist bei mir eine Art Bild für das Leben. Eine Saite lässt sich nicht gescheit stimmen, die anderen drei schon. Und zwar die A-Saite. Das ist die zweite von oben.

Die G-Saite, die tiefste, hat einen kernigen, erdigen Klang. Für mich steht sie für Verwurzelung, Erdverbundenheit, den sicheren Grund. Die D-Saite, die zweittiefste, hält auch. Ich habe lang überlegt, ich glaube die D-Saite steht für die soliden, starken Saiten/Seiten in mir. Auch D ist ziemlich tief und erdig. D heißt glaube ich: Ich weiß wer ich bin, ich bin innerlich gefestigt und bereit, Dinge anzupacken. Dann kommt die im Traum durchhängende, unbrauchbare A-Saite. Und zuletzt die E-Saite, die höchste. Ich glaube, dass die E-Saite für die Spiritualität steht. Also: Ich bin fest gegründet, mit einem guten Draht nach oben, passt. Wenn nicht die A-Saite momentan so unbrauchbar wäre. Was ist die A-Saite?

Ganz real ist die A-Saite die erste Saite, die ein Geiger stimmt und zwar nach dem wohlbekannten Kammerton a. Passend zu A wird dann D gestimmt, danach G passend zu D und zuletzt E passend zu A. Mit anderen Worten: Wenn die A Saite nicht stimmbar ist, dann ist es schwer, die anderen Saiten zu stimmen, oder zumindest sehr ungewohnt (es geht schon, man müsste dann halt jemand bitten, sein A durchgehend zu spielen und das D nach dem A des Mitmusikers stimmen, usw.) Die A-Saite hat für mich eine sehr soziale Komponente, weil man sich eben drauf geeinigt hat, dass man im Orchester zuerst das A sauber stimmt und erst wenn das passt, stimmt man die anderen Saiten. Das A ist sozusagen der Ton, nach dem alle sich richten. Außerdem ist gefühlt die A-Saite die, auf der man einfach am meisten spielt. (Ob das stimmt weiß ich nicht, da müsste man mal die Töne in einem Stück zählen.) Jedenfalls ist es extrem verunsichernd, wenn die fehlt oder nicht spielbar ist.

Ich glaube, dass mein Traum mich einerseits darauf hinweist, dass mir etwas fehlt. Soziale Einbettung. Klar. Ich habe keine Familie. Das ist bitter, aber leider wahr. Sicherheit – es ist für jemanden der Geige spielt extrem verunsichernd, beim Spielen plötzlich ins Leere zu greifen, weil eine Saite fehlt oder durchhängt. Der Konsens über das was „alle“ machen. Nämlich ihr Instrument (ihr Leben) auf eine ganz bestimmte Weise einzustimmen. Nach einem festen Ritual. Und alle zusammen, nicht etwa jeder einzeln.

Ich habe dann weiter darüber meditiert und auf einmal tauchte vor meinem inneren Auge ein Bild von einer Geige mit nur einer einzigen Saite auf, nämlich der A-Saite und schlagartig eine Erklärung dazu: Die allermeisten Menschen „spielen“ ihr Leben  ausschließlich auf der A-Saite. Also im übertragenen Sinn: Nach bestimmten sozialen Normen und alles schön in der Mittellage. Sobald das A fehlt, können sie gar nicht mehr spielen, denn ihnen fehlt die Verwurzelung in sich selbst und die spirituelle Komponente.

Und Erkenntnis: Eine fehlende/verstimmte A-Saite ist extrem lästig, vor allem im Zusammenspiel. Aber rein geigerisch ist es möglich, das auszugleichen. Die normale 1.Lage auf der A-Saite lässt sich relativ problemlos kompensieren, wenn man auf der D-Saite 3.-5. Lage spielt. Und für die hohen Lagen auf der A-Saite kann man gleich auf die E-Saite gehen. Das ist ungewohnt und umständlich, aber nicht unmöglich.

RICHTIG blöd wäre es, wenn die G-Saite nicht vorhanden wäre, weil man zwar auf tieferen Saiten höhere Töne greifen kann, aber man kann eine Saite nicht tiefer spielen als ihren eigenen Grundton. Man kann durch Geschicklichkeit fast alles ausgleichen. Aber nicht die tiefen Töne. Übertragen auf´s Leben: Man kann viel „machen“, an sich arbeiten, etc., aber das wichtigste ist die Verwurzelung, der tragende Grund, das Urvertrauen oder wie immer man das nennen will. Das lässt sich auch mit noch so viel Arbeit nicht kompensieren.

Erleichterung. Das Leben lässt sich zur Not auch mit drei Saiten spielen. Vier wären besser. Aber es ist okay, zeitweise oder auch längere Zeit nicht nach den allgemein gültigen sozialen Normen zu stimmen, und wenn alle Stricke reißen, kann man auch mal ein paar Töne weglassen, denn A-Saiten gibt’s im Orchester genug. Letztlich geht es um die Frage, womit ich mich identifiziere. Mit dem eigenen Grundton? Oder mit der allgemeinen Stimmung? Gut wäre es, beides in Harmonie zu bringen. Das geht mit einer intakten A-Saite besser als ohne und es klingt auch besser. Aber ohne geht es zur Not auch.

In der Realität würde man jetzt zum Geigenbauer gehen und der würde vermutlich den A-Wirbel ersetzen. Das Leben liefert aber leider nur Zubehör und keine Ersatzteile. Also gilt es, mit dem was gut da ist und gut gelingen kann ein gutes „Konzert“ zu spielen. Vielleicht lässt sich der A-Wirbel irgendwann auch gut stimmen, aber machen konnte ich das im Traum trotz allen möglichen Tricks leider nicht. Wenn das möglich ist, dann ist es ein Geschenk.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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3 Antworten zu Ein Geigertraum und seine Deutung

  1. Rabin schreibt:

    Mein erster Gedanke dazu: Warum sollte es nicht gehen, im Traum den A-Wirbel in den Griff zu bekommen? Vielleicht ist es eine Gedulds-Sache, die mit Zeit und Ruhe zu machen ist. Schwierig, dass gerade in den Worten halbwegs passend auszuformulieren. Vielleicht läuft es darauf hinaus, dass du im Laufe der Zeit ein soziales Leben/Familie/Freunde oder was immer deine passende Komponente ist, aufbauen wirst?

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