„Je suis…“- ja was jetzt eigentlich?

In Brüssel sind 26 Menschen durch terroristische Anschläge ums Leben gekommen. Am 13. November waren es weit über 100 in Paris. Reaktion in den sozialen Medien: Einfärben der Profilbilder auf Twitter, Facebook und Co in den jeweiligen Landesfarben. Bei Paris habe ich auch noch mitgemacht. Aber inzwischen könnte man fast wöchentlich seinen Avatar wechseln. „Je suis Paris“, „Je suis Charlie“, „Je suis Beirut, Ankara, Brüssel, Madrid, London, …“

Die Twittertimeline reagiert inzwischen genervt:

Shit

Andere äußern Betroffenheit. Kerzenbilder. Betet für Brüssel. Paris. Die Welt.

Kerzen

Die Bilder drücken Solidarität aus, spiegeln Trauer, Wut, Ratlosigkeit. Momentan macht mich das Geschehene zornig. Es macht mich zornig, dass einige Wenige zerstören wollen, was „wir“, die „westliche Gesellschaft“, in Jahrhunderten unter vielen Opfern aufgebaut haben. Eine freie Gesellschaft, in der weitgehend Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und wirtschaftlicher Wohlstand herrschen. Was gibt irgendjemandem das Recht, in Brüssel oder sonstwo die Zivilbevölkerung zu massakrieren?

Ganz schnell frage ich aber weiter: Was gibt irgendjemandem das Recht, das anderswo zu tun? Wessen Waffen sind es, die zu Millionen Menschen in die Flucht treiben? Wo kommen diese Waffen her? Hat das was mit dem Terror in Brüssel zu tun? Ja oder nein? Ich weiß es nicht! Was ist die Ursache dafür, dass Menschen sich derart bereitwillig radikalisieren lassen? Das ist keine rhetorische Frage, ich weiß es wirklich nicht. Will ich es verstehen? Nein, ehrlich gesagt nicht. Wer unschuldige Zivilisten meuchelt, der verdient kein Verständnis. (Sagen das die „anderen“ auch über „uns“? Wieder: Ich weiß es nicht!)

Eins aber glaube ich schon zu wissen, und zwar, dass es nicht besser wird, wenn „wir“, die westliche Gesellschaft, kollektiv den Kopf verlieren und panisch und irrational reagieren. Es hilft auch nicht, nun auf denen herumzuhacken, die aus genau solchen Verhältnissen und viel schlimmeren zu uns fliehen. Flüchtlinge sind keine Terroristen, sie sind Opfer. Es macht keinen Sinn, den Rattenfängern von AfD, Pegida und Co hinterher zu laufen. Die haben keine Lösungen. Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, was politisch Sinn macht. Ich weiß Zuwenig über die tieferen Zusammenhänge, und ich vermute, dass es den allermeisten Menschen genauso geht. Auch denen die groß tönen und angeblich Antworten parat haben.

Um ehrlich zu sein: Das Einzige, was für mich Sinn macht, ist der Blick auf denjenigen, dessen Tod und Auferstehung wir in den nächsten Tagen begehen. Nein, seine Lehre ist kein politisches Programm. Aber sie ordnet die Seele, die Gedanken, die Emotionen. Sie verhindert Schnellschüsse und Schnellschlüsse. Und die Welt wäre wesentlich menschlicher, wenn jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen würde, sie umzusetzen.

 

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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