Ein Versuch über „Heimat“ #nichtSeehofersHeimat #Heimatministerium

Seit Neuestem sollen wir nun also ein Heimatministerium bekommen – mit Heimatminister Seehofer. Das Netz feixt. Was tut ein Heimatminister? Lederhosn und Dirndl als neuen Dresscode im Bundestag einführen? Gesetze zum Schutz des Gartenzwerges erlassen? Heimattümelei in der Politik etablieren? Und was ist das überhaupt, „Heimat“?

Schon im CSU-Bayernplan ist mir dieses Wort aufgestoßen (ja, ich habe ihn auszugsweise gelesen und dann beruhigt beiseite gelegt – meine Einstellung zur CSU wurde dadurch in keinster Weise infrage gestellt, ich habe sie nie gewählt und werde sie nie wählen). Das Wort Heimat wird darin so selbstverständlich verwendet, als wäre es sonnenklar, dass alle darunter dasselbe verstehen, nämlich eine ganz bestimmte Art von regional definierter, lokal fixierter und volkstümlicher Vorstellung des Ortes oder der Region, aus der man kommt. Und ja, es gibt Menschen, die so einen Begriff von „Heimat“ haben und auch verteidigen. Häufig sind das Menschen, die ihr ganzes Leben lang nicht aus ihrem Ort oder ihrer Kleinstadt herausgekommen sind, gerne auch über mehrere Generationen dort ansässig waren und einander abends beim Stammtisch die Welt erklären. Schön für sie, wenn das Leben so unkompliziert ist. Für die meisten, die ich kenne, ist dieser Begriff von „Heimat“ aber irgendwie lächerlich. Man kann sich nicht damit identifizieren, wenn man im Leben 15 Mal umgezogen ist, wenn man in einer Großstadt mit liberaler Prägung aufgewachsen ist, wenn man von klein auf mit Menschen unterschiedlichster Herkunft zu tun hatte und wenn die eigenen Eltern eben von irgendwo zugewandert sind und die eigene Familie NICHT bereits seit fünf Generationen am selben Ort wohnt.

Mit anderen Worten, wenn man das Wort Heimat unbedingt verwenden will, dann ist Heimat ein höchst subjektiv gefüllter Begriff. Ich persönlich verwende ihn nie, weil er für mich einfach nicht gefüllt ist. Wollte ich ihn in meine eigene Sprache übersetzen, dann wäre „Heimat“ für mich kein Ort, sondern ein Oberbegriff für Orte, Menschen und soziale Milieus, in denen ich mich verstanden fühle und wo ich mich nicht rechtfertigen muss und im Einklang mit mir selbst und anderen bin. Heimat kann für mich sein:

  • Die Natur der Alpen – oder ein weiter Sandstrand an der Nordsee, aber auch eine sonnige Steilküste in Griechenland, weil wir dort als Familie sehr oft Urlaub gemacht haben.
  • Ein bestimmtes soziales Milieu, leicht intellektuell angehaucht, liberal, sozialdemokratisch, leicht grünlich getönt
  • Das Christentum in mystischer Prägung, ohne konfessionelle Verengung (mit katholischer Kirche im bayerisch-ländlichen Raum oder Kulturprotestantismus hat das relativ wenig zu tun)
  • Menschen, die mich nehmen wie ich bin – und die ich nehme, wie sie sind
  • Musik und gemeinsames Musizieren mit anderen
  • Allgemein fühle ich mich dort beheimatet, wo ich innere und äußere Weite erlebe.

So, und wie will man so etwas nun bitte in einem „Heimatministerium“ verwalten? Wie will man die unterschiedlichen Heimaten so vieler Menschen überhaupt irgendwie politisch „vertreten“? Worum soll es denn bei einem „Ministerium für Heimat“ gehen? Um Traditionsverwaltung, Förderung des Schuhplattlers an der Nordseeküste, Gründung von Seemannschören in der bayerischen Diaspora??? Identifikation des Ruhrpottlers mit der Geschichte des Kohleabbaus? Oder was??? Und wieso bitteschön soll ausgerechnet Herr Seehofer in diesen Dingen kompetent sein?

Aber vielleicht geht es ja auch um Heimatschutz. Dass keiner in meine kleine begrenzte Heimat ungestraft hinein kommen darf. Menschen, die andere Heimaten verloren haben, gleich an unseren Grenzen wieder „heim“ geschickt werden.

Oder geht’s um den Schutz heimischer Natur vor dem Raubbau durch Wirtschafts- und Energiekonzerne? Das wäre zumindest was, ist aber eigentlich schon durch das Ressort „Umwelt“ abgedeckt. Wenn denn da mal was passieren würde.

Eine der beliebtesten Fernsehserien im Bayerischen Fernsehen ist „Dahoam is dahoam“ – im Titelsong wird besungen, was „dahoam“ ist: „Da komm i her, da will i wieder hin“. „Da, wo i jeden auf der Straßn kenn….“

Und irgendwie habe ich den Verdacht, dass auch Herr Seehofer diese Serie gerne guckt…

Ich hingegen will nur sehr bedingt da wieder hin, wo ich herkommen, und da es eine Großstadt war, kenn ich da auch nicht jeden auf der Straße.

Meine Heimat ist nicht regional definiert. Und ich glaube, dass ich da in ziemlich guter Gesellschaft bin.

7 Kommentare zu „Ein Versuch über „Heimat“ #nichtSeehofersHeimat #Heimatministerium

  1. Irgendwie musste man ihn ja loswerden, und das ist sein Geschenk, damit er sich auch weiterhin wichtig fühlen kann, so wichtig, als wäre er der König von Bayern.

    Deine Definition von Heimat gefällt mir auch. Ich bin zwar nicht 15 mal umgezogen, aber 10 mal waren es sicher. Ein Leben lang am gleichen Ort, und das vielleicht noch für Generationen ist doch unrealistisch.

    Liken

  2. Ich bin eher so ein „Ubi-bene-ibi-patria“-Typ und könnte mich an vielen Ecken der Welt zuhause fühlen. In Deutschland habe ich meine Ur-Heimat Ostwestfalen, meine zweite und Wahlheimat Berlin und inzwischen als dritte den tiefen Westen, wo die Sonne verstaubt, das rostig-raue Ruhrgebiet.

    Als ich die Idee mit dem Heimatministerium für Seehofer gehört habe, habe ich innerlich abgewinkt. Kommt mir bloß nicht mit ’ner Lederbuxe, so was habe ich zuletzt als Kind getragen. Meine Traditionsheimat ist mit Fachwerkhäusern und Windmühlen dekoriert und spricht Plattdeutsch.

    Aber wie ich inzwischen gelesen habe, ist mit diesem Heimatministerium etwas anderes gemeint. Etwas zu tun gegen die Landflucht und die Verödung der ländlichen Gegenden. Und das halte ich für wichtig und sehe schmerzlich, wie es da auch in meiner Ur-Heimat in den letzten Jahrzehnten sehr bergab gegangen ist.

    Gefällt 1 Person

      1. Nein, muss man nicht, aber es ist auch nichts, worüber ich mich aufrege. Politik ist bekanntlich auch die Kunst, Begriffe zu besetzen, und „Heimat“ sollte man da vielleicht wirklich nicht den Rechtsaußen überlassen.

        Gefällt 1 Person

  3. Als erstes sollte der Herr Seehofer mal dafür sorgen, dass Heimat nicht nur für die lautesten und unverschämtesten Schreihälse existiert. Er sollte verhindern, dass Abzocker, Ignoranten und sonstige „Spezis“ Ethik und gute Sitten missachten.
    Der Herr Seehofer sollte sich also für den Schutz der Schwächsten und die Stärkung des existierenden Mietrechts stark machen.
    Niederträchtiges, gewissenloses Verhalten sollte ein ethischer Faux-pas werden, dass sich „in-Grund-und-Boden-schämen“ nicht nur eine putzige Metapher ist, sondern ein Makel in der Reputation darstellt, dass es mehr bringt, sich anständig zu verhalten als umgekehrt.
    Leider wird sich der Herr Seehofer lieber so anbiedern, wie er meint dass es am meisten Stimmen bringt. Kurzfristig. In SEINER Heimat. Weil woanders wird ihn eh keiner wählen. Also wird er den Stammtisch-Kitsch-Rechthabereien-Huber auch weiterhin geben. In der Geschichte wird er wenig Abdruck hinterlassen. (Auch ein Trost.)

    Liken

Schreibe eine Antwort zu Anne Schumann Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s